Unzugeordnete Artikel

Der Dorfhock bleibt Wunschdenken

Festsaison Geselliges Beisammensein unter freiem Himmel ist auch im Sommer 2021 der Gastronomie vorbehalten. In keiner Gemeinde gibt es Pläne für Vereinsfeste mit großem Publikum. Von Bernd Köble

So sah es vor Corona aus: Dichtes Gedränge auf dem Dätscherfest in Notzingen.Foto: Markus Brändli
So sah es vor Corona aus: Dichtes Gedränge auf dem Dätscherfest in Notzingen.Foto: Markus Brändli

Keine Sonnwendfeiern, kein Kelterhock in Bissingen, kein Weilheimer Städtlesfest und auch keine Fleckenfeste in Schopfloch, Schlattstall oder sonstwo - der zweite Frühsommer in Folge ohne bierselige Geselligkeit stellt Veranstalter und Besucher auf eine harte Probe. Angesichts stetig sinkender Infektionszahlen glimmt in Rathäusern und Vereinen jedoch ein kleines Fünkchen Hoffnung. Zumindest was Termine im Spätsommer und Frühherbst betrifft, wollen sich Veranstalter ein Hintertürchen offenlassen. Klar ist: Feste, wie man sie vor Corona feierte, wird es auch 2021 nicht geben.

Das Dorffest als Keimzelle sozialen Miteinanders, Michael Schlecht ist einer, der das seit jeher zu schätzen weiß. „Mal wieder im Schatten mit Freunden auf einer Bierbank sitzen, danach sehnt sich im Moment doch jeder“, sagt Lenningens Schultes. So gerne auch er diesem Drang nachgeben würde, so zahlreich sind die Hürden, an denen auch zur Stunde niemand vorbeikommt und die dem Wesen eines jeden Dorfhocks in krasser Weise widersprechen. An ein Fest mit Einlassbeschränkungen, zugewiesenen Sitzplätzen und Abstandsregeln mag nicht nur Michael Schlecht nicht denken. Sie wären auch kaum praktikabel. Bisher sei noch kein Verein mit entsprechenden Wünschen oder Vorschlägen auf ihn zugekommen, berichtet Lenningens Bürgermeister. Soll heißen: Weder für den Brunnenhock in Oberlenningen, noch für ein Fleckenfest in einer der Teilgemeinden gibt es bisher Pläne. Verwunderlich findet Schlecht das nicht. Die meis- ten Vereine, so vermutet der Rathauschef, hätten im Moment ganz andere Sorgen, als sich mit hohem Aufwand ins Risiko zu stürzen. „Da geht es zunächst einmal darum, den Übungs- und Probebetrieb neu zu organisieren“, sagt er. Grundsätzlich ausschließen will Schlecht aber nichts: „Wenn die Inzidenz es hergibt und ein Verein ein schlüssiges Konzept vorlegt, warum nicht?“

Besonders hart getroffen hat es den Musikverein in Bissingen. Mitten ins Jubiläumsjahr 2020 platzte Corona. Jetzt wurde das verschobene Festwochenende zur 100-Jahr-Feier, das vom 18. bis 20. Juni mit riesigem Festzelt hätte stattfinden sollen, zum zweiten Mal und endgültig abgesagt. Mit den Einkünften aus der Bewirtung wollte man für die 30-köpfige Musikkapelle neue Uniformen beschaffen. Die müssen nun aus Spendengeldern finanziert werden. Immerhin: „Zwei Drittel davon sind bereits beisammen“, verrät Vereinschef Günter Reinöhl. Dank zuverlässiger Geldgeber, von denen es in Bissingen zum Glück ein enges Netz gibt.

Der Musikverein ist nicht der einzige, der im zweiten Corona-Sommer die Segel streichen muss. Die Kelter-Hocketse als zentrales Ereignis der Bissinger Vereine ist definitiv abgesagt. „Wer das Fest kennt, der weiß, dass das nicht gehen kann“, meint die Hauptamsleiterin im Rathaus, Sarah Necker- nuß. Ein Fest mitten im Ortskern, offen nach allen Seiten, ein stetiges Kommen und Gehen bei Tanz und Livemusik - undenkbar. Das gilt genauso fürs Seefest Anfang Juli und fürs traditionelle Göckelesfest auf dem Festplatz. Die Kleintierzüchter im Ort sind immerhin nicht auf den Kamm gefallen und bieten am letzten Juni-Wochenende „Göckele-to-go“ im Vereinsheim an. Für die meisten wohl dennoch ein schwacher Trost.

Was die Sache leichter macht: Druck aus der Bevölkerung kommt fast nirgendwo. „Die Leute zeigen großes Verständnis“, bestätigt Hansjörg Richter, der die lebendige Bissinger Vereinsgemeinschaft vertritt. „Eigentlich hat ja jeder damit gerechnet“, meint er. „Umso größer ist dann die Freude, wenn sich vielleicht kurzfris- tig doch etwas machen lässt.“ Leise Hoffnung besteht noch für den Hüle-Hock droben in Ochsenwang. Der fände regulär erst Mitte August, also mitten in den Sommerferien statt. In Weilheim, wo das Städtlesfest am 4. Juli zum zweiten Mal abgesagt wurde, geht man ähnlich mit der Situation um. Man macht das Beste draus. Einzelne Vereine planen für diesen Tag kleinere, dezentrale Angebote. Ansonsten blicken die sprichwörtlich festerprobten Limburgstädter mit einiger Zuversicht in Richtung Herbst. Während für das Dorffest in Hepsisau, Anfang September einer der größten Besuchermagnete im Umland, keinerlei Prognosen möglich sind, besteht für den Zähringermarkt Hoffnung. Eine Auflage wie im vergangenen Jahr in abgespeckter Form, hält Andrea Bauknecht, Marketing-Chefin der Stadt, für durchaus denkbar. Bis zum 25. September kann schließlich viel passieren. Was immer das heißen mag.

Anzeige