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Der Fluch des Reichtums

Zum Leserbrief „Die Mär vom bösen Westen“ vom 21. April

In Afrika lagern laut Zahlen von 2015 etwa 15 Prozent der weltweiten Rohölvorräte, 40 Prozent des Golds und 80 Prozent des Platins. Die reichhaltigsten Diamantenvorräte befinden sich in Afrika, außerdem auch bedeutsame Vorkommen von Uran, Kupfer, Eisenerz und Bauxit. 2010 betrug der Wert der Brennstoff- und Mineralexporte aus Afrika 333 Milliarden Dollar, mehr als das Siebenfache der Wirtschaftshilfe, die in den Kontinent floss.

Der IWF (Internationale Währungsfonds) definiert ein Land als „rohstoffreich“, wenn dessen Exporte zu mehr als einem Viertel aus Rohstoffen bestehen. Rohstoffe machen 66 Prozent der Ausfuhren Afrikas aus. Von diesem Ressourcenreichtum kommt bei der einfachen Bevölkerung meist wenig an. Beispiel: Nigeria und Angola. Öl und Gas machten 2015 etwa 97 Prozent der Exporte Nigerias und 98 Prozent der Ausfuhren Angolas aus. Der Anteil der Menschen in extremer Armut, die von 1,25 Dollar am Tag leben müssen, lag zu dieser Zeit in Nigeria bei 68 Prozent und in Angola bei 43 Prozent. Experten reden vom „Ressourcenfluch“. Die Regierenden tun nichts weiter, als ausländischen Unternehmen Lizenzen zur Förderung von Öl oder zum Schürfen von Erzen zu vergeben. Die Ausplünderung Afrikas läuft heute in modernisierter Form ab. An die Stelle der alten Kolonialmächte sind Netze von multinationalen Unternehmen, Zwischenhändlern und afrikanischen Potentaten getreten. Wo einst aufgezwungene Verträge Afrikaner um ihr Land brachten, zwingen heute Heerscharen von Anwälten der Öl- und Bergbaugesellschaften mit Hunderten von Milliarden Jahresumsatz afrikanischen Regierungen ihre Bedingungen auf. Dies alles hat auch mit unserer Politik, unserem Wirtschaften und unserer Lebensweise im globalen Norden zu tun. Was folgern wir daraus?

Hans Dörr, Notzingen

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