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Der Gelbe Sack ist auf Diät

Umwelt Eine ZDF-Doku zeigt auf, wie sich der Plastikverbrauch reduzieren lässt. Mit dabei: Familie Höfer aus Kirchheim und das Recircle-Mehrweggeschirr. Von Bianca Lütz-Holoch

Vor der Kamera hat Familie Höfer das Recircle-Mehrweggeschirr getestet.Foto: Markus Brändli
Vor der Kamera hat Familie Höfer das Recircle-Mehrweggeschirr getestet.Foto: Markus Brändli

Er hat 250 Gramm abgenommen. Das heißt: Innerhalb von drei Monaten hat es Familie Höfer aus Kirchheim geschafft, das Gewicht ihres Gelben Sacks zu halbieren. „Eine tolle Leistung“, sagt Jochen Klöck. Er ist Autor der Sendung „plan b: Plastik ade“, die am kommenden Samstag im ZDF läuft. „Die Dokumentation zeigt Möglichkeiten auf, wie wir alle weniger Plastik verbrauchen können“, so Klöck. In deren Mittelpunkt stehen Daniela und Christof Höfer: Sie haben ihren Gelben Sack auf Diät gesetzt, dazu ein Videotagebuch aufgenommen und sich von Jochen Klöcks Fernsehteam filmen lassen.

Die Schwierigkeit: Familie Höfer startet die Mission schon auf hohem Niveau. Ihre ein und drei Jahre alten Kinder Nora und Felix hat Daniela Höfer vom ersten Tag an mit Stoffwindeln gewickelt. Sie kauft auf dem Markt, in der Mühle und im Kirchheimer Unverpackt-Laden ein. Trotzdem steht für die Kirchheimerin fest: „Da ist noch mehr drin.“ Den Ausschlag, es anzupacken, gibt der Dreh.

Beim ersten Besuch des Fernsehteams nehmen Jochen Klöck und Daniela Höfer den über zehn Tage hinweg gefüllten Gelben Sack der Familie unter die Lupe. Schnell ist klar: Im Bad, bei den Putzmitteln, in der Gefriertruhe und zum Teil auch in der Küche gibt es Einsparpotenzial. Genau da setzt Daniela Höfer an. Als Beraterin holt sie Nadja Schoser ins Boot, die Inhaberin des Kirchheimer Unverpackt-Ladens „eigenhändig“, die Autor Jochen Klöck überhaupt erst mit Familie Höfer zusammengebracht hat. Nadja Schoser gibt Daniela Höfer praktische Tipps, empfiehlt ihr Bücher und besucht sie zu Hause.

„Ich habe festgestellt, dass man wahnsinnig viel selbst herstellen und dadurch Plastikmüll vermeiden kann“, resümiert Daniela Höfer. Gemeinsam mit Nadja Schoder stellt sie Allzweckreiniger her - etwas, das sie beibehalten wird: „Das geht ratzfatz und reinigt genauso gut wie die gekauften Putzmittel“, sagt sie.

Auch für ihr selbstgebackenes Brot, das bis dahin scheibenweise in Plastiktüten in den Gefrierschrank gekommen ist, findet die Kirchheimerin eine Lösung: „Ich friere es jetzt in Säckchen ein, die ich aus einem alten Leintuch genäht habe.“ Geschmacklich tut das den Backwaren ihrer Ansicht nach keinen Abbruch. „Die Scheiben lassen sich jetzt sogar leichter voneinander lösen.“ Eine weitere Veränderung: „Joghurt und Frischkäse mache ich jetzt selbst“, erzählt Daniela Höfer. „Das ist überhaupt nicht aufwendig und lässt sich leicht umsetzen.“

Duschgel und Shampoo gibt es bei den Höfers sowieso nur noch am Stück. „Alle unsere Pflegeprodukte holen wir bei der Seifenmanufaktur in Uhingen“, berichtet Daniela Höfer. Das spart ihrer Erfahrung nach mehr als Verpackungsmüll: „Seit ich Haarseife benutze, muss ich viel seltener die Haare waschen.“

Daniela und Christof Höfer tes- ten auch das Mehrweggeschirr „Recircle“. Die Pfandschüsseln des Stuttgarter Herstellers hatten den Berliner Autor überhaupt erst auf Kirchheim als Drehort gebracht. Sie waren kurz vor Drehbeginn in der Teckstadt eingeführt worden. Daniela Höfer findet die Schüsseln eine gute Sache - die aus ihrer Sicht allerdings noch besser „verkauft“ werden müsste. „Die Gastronomen haben uns nie von sich darauf hingewiesen, dass es das Pfandgeschirr gibt“, bedauert sie.

An einigen Stellen kommen die Höfers beim Plastik sparen dann aber doch an ihre Grenzen. Beispielsweise sind corona-bedingt an den meisten Wurst- und Käsetheken selbst mitgebrachte Schüsseln derzeit tabu. Dazu kommt: „Es gibt viele Kleinigkeiten, auf die ich nicht verzichten kann und will“, stellt Daniela Höfer klar. Zum Beispiel Mozzarella. „Den habe ich bisher nur in Plastik verpackt gefunden.“ Das gleiche gilt für die kleinen Dinkel-Knabberbrezeln, die ihre Kinder lieben.

Ein schlechtes Gewissen hat sie deswegen nicht. „Wir machen schon so viel - und planen noch viel mehr“, sagt sie. Schritt für Schritt tastet sie sich weiter an plastikfreie Varianten heran. „Als Nächstes möchte ich Waschmittel und WC-Ente selber herstellen und mich an Pudding und Vanillesoße versuchen.“

Die Doku„Plastik ade: Wege aus dem Kunststoff-Wahnsinn“ läuft im Rahmen der Reihe „plan b“ am Samstag, 10. April, um 17.35 Uhr im ZDF.

Daniela Höfer kauft regelmäßig im Unverpackt-Laden ein.Foto: Carsten Riedl
Daniela Höfer kauft regelmäßig im Unverpackt-Laden ein.Foto: Carsten Riedl

„Plastiksparen ist nicht schwierig“

Nadja Schoser
Nadja Schoser

Nadja Schoser ist Inhaberin des Kirchheimer Unverpackt-Ladens und hat die Familie Höfer zwischen den Drehterminen für die ZDF-Reportage „plan b: Plastik ade“ begleitet und beraten. Im Interview gibt sie Tipps für alle, die ihren Plastikverbrauch reduzieren wollen.

Wie schwierig ist es, auf Plastik und Verpackungen zu verzichten?

Nadja Schoser: Viele denken, dass es total kompliziert ist, wenn sie mit dem Plastiksparen starten. Sie haben Bedenken, dass sich das nicht in den stressigen Alltag integrieren lässt. Aber das stimmt nicht. Wenn man sich erst mal dafür geöffnet hat, wird vieles einfacher. Ich selbst finde es zum Beispiel herausfordernder, aus der Fülle an Drogerie- und Reinigungsprodukten im Laden das Richtige auszuwählen, als aus fünf Zutaten selbst Deo, Wasch- und Reinigungsmittel herzustellen. Meistens ist das auch wesentlich günstiger.

Aber das eignet sich vielleicht trotzdem nicht für jeden . . .

Schoser: Ganz klar: Wenn jemand eine 40-Stunden-Woche im Geschäft hat, sich dann um die Kinder kümmern und einen Haushalt führen muss, möchte er nicht unbedingt noch Waschmittel selber herstellen. Man muss ja auch nicht von Anfang an alles selber mixen. Dafür gibt es in Unverpackt-Läden neben Lebensmitteln auch klassische Drogerieprodukte zum Selbstabfüllen, Gesichtscreme in Pfandgläsern und Shampoo am Stück zu kaufen.

Wenn jemand ins Plastiksparen einsteigen möchte - wie sollte er dann anfangen?

Die meisten fangen tatsächlich in der Küche an und achten darauf, Vorratsprodukte wie Reis, Müsli und Hülsenfrüchte verpackungsfrei zu kaufen. Bei Milch beispielsweise sollte man zu Mehrweg-Flaschen statt zu Tetra-Paks greifen. Weiter geht es im Bad mit festem Shampoo und Zahnpasta aus dem Glas oder in Pastillenform. Dann kommen meist die Reinigungsmittel an die Reihe und schließlich der Kleiderschrank: Auch in Textilien findet sich häufig Mikroplastik.

Haben die Menschen in Corona-Zeiten überhaupt Energie dafür ?

Meine Erfahrung zeigt, dass sie sich gerade in der Krise Gedanken machen und beispielsweise mehr auf Biowaren setzen. Gesundes, gutes Essen in solchen Zeiten zählt ja auch zu den wenigen Freuden, die man aktuell hat.bil

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