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Der Kampf um Anerkennung

Rassismus Mit einem Diskussionsabend über den Film „Leben in Deutschland aus Sicht von Flüchtlingen“ enden die „Internationalen Wochen gegen Rassismus“ in Kirchheim. Von Antje Dörr

„Leben in Deutschland“: Der Film lässt Flüchtlinge zu Wort kommen.Foto: Carsten Riedl
„Leben in Deutschland“: Der Film lässt Flüchtlinge zu Wort kommen.Foto: Carsten Riedl

Gil Savannah Neyou ist vor über zehn Jahren aus Kamerun geflüchtet. In ihrer Heimat wurde die Frauenrechtlerin, die sich dort gegen Beschneidung einsetzte, angefeindet und verfolgt. Der Anfang in Deutschland war hart. „Ich kannte niemanden. Hatte keine Freunde. Ich kannte die Sprache nicht“, sagt Neyou in dem Film „Leben in Deutschland“, der schon vor sechs Jahren entstanden ist und im Rahmen der Kirchheimer „Internationalen Wochen gegen Rassismus“ Gegenstand eines Online-Diskussionsabends war.

In dem Film, den der Kirchheimer Jan Hanicz gedreht hat, werden Gil Savannah Neyou und weitere Geflüchtete von Schülern der VABO-Klasse zu ihrer Fluchtgeschichte, zu ihren Erwartungen an Deutschland und ihrem neuen Leben befragt. VABO steht für „Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf mit Schwerpunkt Erwerb von Deutschkenntnissen“. „Dieser Film ist wirklich echt, weil alle Menschen darin, Interviewer und Interviewte, Migrationshintergrund haben“, sagt Friedrun Maute, die den Film damals angestoßen hat. In ihrer Arbeit mit Geflüchteten hatte sie erkannt, „dass diese Menschen oft ganz andere Erwartungen an Deutschland hatten“. Deshalb habe sie ursprünglich auch den Plan gehabt, den Film in Herkunftsländern zu zeigen. Das sei bisher allerdings noch nicht gelungen.

Dennoch ist der Film von vielen Menschen wahrgenommen worden. Das zeigen die über 250 000 Klicks, die er bei Youtube bekommen hat. Grund genug für die Macherinnen und Macher der Rassismus-Wochen, zum Abschluss der Veranstaltungsreihe noch einmal über den Film zu sprechen. Alle Menschen, die im Film interviewt werden, waren beim Online-Diskussionsabend nicht anwesen, dafür aber Gil Savannah Neyou, Oussama Saidi, der schon als Achtjähriger aus Algerien nach Kirchheim kam und in Kirchheim als Breakdancer bekannt ist, und Sid Ahmed Serour, Musiker und Leiter der Flüchtlings-Band „Die Wüstenblumen“. Wie hat sich ihr Leben seit Erscheinen des Films verändert? Das wollen Renate Hirsch und Willi Kamphausen, Mitglieder des Integrationsrats, von ihnen wissen. Haben sie mit Rassismus zu kämpfen? Saidi und Serour verneinen, wobei Saidi etwas sagt, das ebenfalls nachdenklich macht. „Ich habe es mir zur Lebensaufgabe gemacht, Menschen vom Gegenteil zu überzeugen“, sagt er und deutet damit an, dass es vielleicht nicht gegen ihn persönlich, aber gegen Geflüchtete im Allgemeinen, sehr wohl Vorurteile gibt.

Oussama Saidi, besser bekannt als Hamza Saidi, gibt Breakdance-Kurse für Kinder im Mehrgenerationenhaus Linde, die immer ausgebucht sind. Dass er von Eltern oder Kindern aufgrund seiner Hautfarbe abgelehnt wurde, habe es noch nie gegeben, sagt Jutta Ziller vom Mehrgenerationenhaus Linde. „Ich kann mich an kein Kind erinnern, das kein zweites Mal vorbeigekommen ist“, bestätigt Saidi.

Gil Savannah Neyous Alltag sieht leider anders aus. „Mein Sohn hat in der Schule eine schlimme Zeit gehabt“, sagt sie über ihr Kind, das ein Kirchheimer Gymnasium besucht. Mitschüler hätten ihn mit rassistischen Ausdrücken beschimpft. Auch bei der Arbeit spüre sie, dass ihre Herkunft eine Rolle spielt. Neyou macht eine Ausbildung zur Altenpflegerin. „Die Bewohner sind nicht das Problem, die sind mit mir glücklich“, sagt sie. Mit Kolleginnen und Kollegen gebe es jedoch häufig Schwierigkeiten. „Wenn ich jemandem etwas anweise, zum Beispiel.“ Es sei, als ob eine schwarze Person einer weißen keine Anweisungen geben könne. Ihrem Sohn geht es mittlerweile besser. In der Schule habe es viele Gespräche gegeben. „Abgesehen von diesen Dingen ist mein Leben in Deutschland ganz gut“, sagt Neyou.

Willi Kamphausen findet, dass in Schulen mehr über Rassismus gesprochen werden sollte. „Wir wollen das den Schulen anbieten“, sagt das Mitglied des Integrationsrats. Jutta Ziller sieht Eltern und Großeltern ebenfalls in der Verantwortung. „Man sollte nicht nur auf die Kinder gucken, die andere Kinder rassistisch beleidigen, sondern sich statt dessen überlegen, wo das eigentlich herkommt. Die Kinder haben das nicht mit der Muttermilch aufgesogen“, sagt Ziller. Renate Hirsch hat am Ende der Anti-Rassismus-Wochen einen Wunsch für die Zukunft. „Ich wünsche mir, dass wir alle bedachter miteinander umgehen“, sagt sie.

Info Der Film „Leben in Deutschland“ ist auf Youtube zu sehen.

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