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Der kleine Kobold erobert die Herzen

Umwelt Thekla Walker, Baden-Württembergs Umweltministerin, kommt zur Steinkauz-Beringung nach Wendlingen. Verteter des Nabu nu­­tzen den Anlass, um auf Naturschutzprobleme aufmerksam zu machen. Von Sylvia Gierlichs

Kauzige Art der Dankbarkeit: Das kleine Kerlchen auf der Hand der Umweltministerin Thekla Walker hinterließ einen kleinen Klecks
Kauzige Art der Dankbarkeit: Das kleine Kerlchen auf der Hand der Umweltministerin Thekla Walker hinterließ einen kleinen Klecks, das ­Exemplar auf Johannes Enssles Hand biss einmal herzhaft zu.Foto: Daniel Jüptner

Ein wenig zerrupft sieht er aus, der kleine Nestling. Mit großen Augen blickt er auf der Hand von Umweltministerin Thekla Walker in die Welt. Eine Welt, für deren Erhalt es erhebliche Anstrengungen bedarf. Dann geht alles schnell. Routiniert legt Dieter Schneider dem Käuzchen den Ring an, mit der Zange schließt er ihn, ab jetzt kann man überall, wo es ihn hinverschlägt, erkennen, wo seine ursprüngliche Heimat ist.

Die Heimat des Steinkauzes ist die Streuobstwiese. Und um die ist es, wie der Nabu-Vorsitzende Johannes Enssle sagt, schlecht bestellt. Zugegeben, Baden-Würt­temberg hat eine ganze ­Menge Streuobstbäume. Jeder ­zweite deutsche Streuobstbaum steht im Ländle. In Wendlingen steht Enss­le auf einer Hochstammwiese. Dass es um die Wiesen schlecht bestellt ist, weiß der Nabu-Vorsitzende ganz genau. Auch das ein Grund, warum der Nabu Baden-Württemberg den Termin organisiert hat. Neben einigen Mitgliedern des Nabu Köngen-Wendlingen nahm auch Wilfried Schmid als stellvertretender Bürgermeis­ter teil - auch er ein Vogelexperte und langjähriges Nabu-Mitglied.

Doch der Steinkauz braucht die Streuobstwiese. Denn hier findet er Nahrung. Die kleine Eule mit den gelben Augen hat es auf Mäuse abgesehen, frisst schon im Kindesalter bis zu 13 Nager, die die Eltern unermüdlich herbeischaffen.

Population stabilisiert sich

„880 Brutpaare gab es einmal in Baden-Württemberg. Das war in den 1960er- und 1970er-Jahren. Dann brach die Population ein. Nur durch das Engagement vieler Ehrenamtler ist es gelungen, die Steinkauzpopulation zu stabilisieren“, berichtet Enssle. 2016 gab es wieder 650 Brutpaare in Baden-Württemberg. Eine positive Botschaft, die deutlich machen soll, dass man mit Naturschutz auch etwas bewirken kann.

Thekla Walker kennt sich aus mit Naturschutz. Von 2009 bis 2012 war sie Projektleiterin beim Stuttgarter Nabu-Ableger. „Der Naturschutz ist der Trieb gewesen, mich politisch zu engagieren“, sagt sie. Denn es gebe die Notwendigkeit zu politischem Handeln. Jede dritte Art sei in Baden-Würt­temberg vom Aussterben bedroht. Eine beängstigende Zahl.

Dass Streuobstwiesen erhalten bleiben, dafür tut die Landesregierung schon einiges. Sie hat beispielsweise die Aufpreis-Initiative ins Leben gerufen, um die harte Arbeit des Obstauflesens im Herbst wieder etwas lohnenswerter zu machen. Wichtig sei jedoch auch, die Aufmerksamkeit der Menschen darauf zu lenken, was für einen Schatz das Land in den Streuobstwiesen hat, sagt Walker. Und so kam die neue Minis­terin zum Auftakt ihrer Amtszeit nach Wendlingen. Um Aufmerksamkeit auf das Ökosystem Streuobstwiese zu lenken. Ein Öko­system, das auch wichtig für den Klima­schutz sei.

Einer jener Ehrenamtler, die für die Erholung der Steinkauzpopulation im Landkreis Esslingen gesorgt hat, ist Dieter Schneider. Der 84-Jährige hat die Artenschutzgruppe Steinkauz im Nabu Köngen-Wendlingen vor über 45 Jahren gegründet. Mittlerweile betreut die Gruppe auch Brutpaare in Dettingen, Jesingen, Notzingen und Oberboihingen. Ein Kamin­feger, so Schneider, sei Schuld daran, dass er sich den kleinen Eulen annahm. Der habe einen von Ruß geschwärzten Vogel aus einem Kamin geborgen und ihn zu Schneider nach Wendlingen gebracht. „Damals galt der Steinkauz hier als fast ausgestorben“, erzählt der Vogelexperte. Schneider und seine Mitstreiter der von ihm gegründeten Artenschutzgruppe Steinkauz begannen mit Nistkästen, den sogenannten Steinkauzröhren, gegen das endgültige Aus für den Vogel anzukämpfen.

Dass die Eule damals so in die Bredouille kam, lag an der Flurbereinigung mit der Beseitigung von Streuobstbeständen und Hecken. An der Umwandlung von Wiesen zu Äckern, am Anbau von Monokulturen mit maximaler Flächennutzung ohne Ackerrandstreifen.

Die Population erholt sich. So richtig stabil ist sie jedoch noch nicht. Und das hat auch mit dem Betonparagrafen 13 b zu tun, der Kommunen erlaubt, neue Wohngebiete auszuweisen. Seit er befristet in Kraft trat, wird gebaut, was das Zeug hält. Allerdings häufig nicht so, wie es der Paragraf vorsieht, nämlich mit bezahlbarem Wohnraum, sondern meist mit Einfamilien- und Doppelhäusern. Dass dieser Paragraf nun verlängert wurde, ärgert die Ministerin. „Die baden-württembergische Regierung hat sich dagegen gestemmt und einen Änderungsantrag eingebracht“, sagt Walker, die übrigen 15 Bundesländer hätten aber abgelehnt.

Was das für den Artenschutz bedeuten kann, macht Dieter Schneider deutlich: In unmittelbarer Nachbarschaft des Wendlinger Baugebiets Steinriegel brüten in den Streuobstwiesen drei Steinkauzpaare. „Die müssen wir leider verloren geben“, bedauert der Vogelexperte.

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