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Der Treueschwur

Basketball Die Knights und Igor Perovic bleiben ein Team. Der 47-jährige Headcoach unterzeichnet in Kirchheim ein Arbeitspapier, das in der Branche nicht alltäglich ist. Von Bernd Köble

Basketball Pro A - Heidelberg Academics - Kirchheim Knights
Basketball Pro A - Heidelberg Academics - Kirchheim Knights

Wer wissen will, wie Igor Perovic tickt, der muss genau hinhören. Während der 13-jährigen Schulzeit der beiden Töchter verdiente er im Profi-Basketball sein Geld, ohne dass seine Kinder auch nur ein einziges Mal hätten die Schule wechseln müssen. Dass er, der kaum Privates preisgibt, diesen Satz nicht ohne Stolz ausspricht, verrät einiges über den Menschen Igor Perovic. Die beiden Töchter sind inzwischen erwachsen und studieren an verschiedenen Orten. Die eigenen vier Wände in Ulm sind für die Familie dennoch wie ein Ankerplatz, an den man in stürmischen Zeiten zurückkehrt. In einer Sportart, die so rastlos ist wie wenig andere, scheint Igor Perovic mit 47 Jahren wie aus der Zeit gefallen. Ein Fixstern, um den Familie und Freunde wie Trabanten kreisen und dem menschliche Beziehungen wichtiger sind als Geld und Erfolg.

Eine Dekade lang war Igor Perovic als Spieler und Trainer in Tübingen so ein Fixpunkt. Jetzt hat er seinen Vertrag bei den Knights in Kirchheim verlängert. Kein Saisonvertrag wie in der Branche üblich, sondern um drei weitere Jahre. Eine Ausstiegsklausel gibt es nicht. Daraus spricht viel Vertrauensvorschuss von beiden Seiten. Dass hier zwei Systeme zueinandergefunden hätten, die wie Zahnräder ineinander greifen, sei ihm klar gewesen, noch ehe die Saison begonnen habe, verrät Knights-Geschäftsführer Chris Schmidt. Perovics Umgang mit der Mannschaft in der Vorbereitung war für den Sportchef ein untrügliches Zeichen. Als die Mannschaft danach zum ersten Mal in Quarantäne musste, der Saisonstart völlig misslang und die Knights vor Weihnachten Vorletzter in der Tabelle waren, stand das Krisenmanagement des neuen Trainers auf einer ersten, harten Probe. „Wenn du am Vertrauen zweifelst, lege ich dir morgen einen unterschriftsreifen Vertrag vor“, soll Schmidt seinem Coach in dieser Situation auf den Weg gegeben haben. Für Perovic war das Vertrauensbeweis genug. Der Rest ist bekannt. Der Ritterhof wurde im neuen Jahr zur Trutzburg der Liga und die Knights auf ihrem Weg ins Finale am Ende nur durch ein Virus gestoppt.

Jetzt wollen Schmidt und Perovic beweisen, dass das alles kein Zufall war. „Wir hatten in den vergangenen Jahren immer wieder Mannschaften, in denen mehr Potenzial steckte, als sie abrufen konnten“, sagt Schmidt. „Ich glaube, Igor ist der Richtige, um das zu ändern.“ Für Perovic ein zweischneidiges Schwert. Mit wenig Mitteln viel erreichen, das ist ihm als Erstliga-Trainer in Tübingen vier Jahre lang herausragend gelungen. Als am Ende ein Umbruch dem anderen folgte und Abstiegskampf den Alltag bestimmte, litt auch der Trainer. Seine eineinhalbjährige Auszeit, die danach folgte, war für ihn Selbstschutz. Dass er in Kirchheim, wo Erfolg stets das Optimum aller Möglichkeiten bedingt, in eine ähnliche Situation geraten könnte, fürchtet er nicht. Er sieht Wachstums­chancen, will mitgestalten. „Gemeinsam mit Kirchheim den nächs­ten Schritt tun“, wie er sagt. Für ihn, der 144 BBL-Einsätze als Spieler bestritten hat, wäre eine Rückkehr in die BBL in einem familiären Umfeld wie in Kirchheim ein Ziel, für das es zu kämpfen lohnt. Heidelberg hat es in diesem Jahr vorgemacht. Sein Landsmann und Intimfreund Frenkie Ignjatovic ist ihm inzwischen nicht nur in Alter und Standorttreue ein Stück weit voraus. „Was Heidelberg geschafft hat, können wir hier vielleicht auch schaffen“, sagt er.

Seit vorgestern ist er aus der Quarantäne. Zuvor hat er Tage und Nächte damit verbracht, Videos von potenziellen Neuzugängen zu analysieren. Im Moment laufen Gespräche mit deutschen Akteuren, die man unbedingt halten möchte. Auch unter den Importspielern gibt es mit Max Mahoney einen klaren Wunschkandidaten. Die Zukunft von langjährigen Integrationsfiguren wie Tim Koch oder Andreas Kronhardt scheint hingegen offen. Was dabei gelingt, werden die Entwicklung des Marktes und die eigenen finanziellen Möglichkeiten entscheiden. Nicht ausgeschlossen, dass die Kontinuität der vergangenen Jahre diesmal Risse bekommt. Ein Grund zur Sorge ist das nicht. Schmidt und Perovic verbindet ein enges Vertrauensverhältnis, und beide haben - jeder auf seine Art - in den vergangenen Jahren ein sicheres Gespür bei der Kaderplanung bewiesen. Jetzt packen sie erstmals die Aufgabe von Beginn an gemeinsam an. Das sollte als gutes Zeichen gelten.

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