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„Die Begeisterung ist größer als bei der EM 1996“

Fußball Andreas Bieler aus Unterlenningen lebt seit 29 Jahren in England und erlebt dort die euphorische Stimmung vor dem morgigen EM-Finale hautnah mit. Von Reimund Elbe

Wahnsinn Wembley: Ob die Engländer beim „Final at home“ morgen ebenso feiern können wie im Halbfinale gegen Dänemark? Foto: dpa
Wahnsinn Wembley: Ob die Engländer beim „Final at home“ morgen ebenso feiern können wie im Halbfinale gegen Dänemark? Foto: dpa

Seit 1992 lebt er in England, wurde zum Kenner des dortigen Fußballs, veröffentlicht darüber immer mal wieder Blogbeiträge und kann sich damit ein Urteil zum derzeitigen Geschehen erlauben. „Die Begeisterung ist jetzt sogar noch größer als bei der EM 1996“, zieht der gebürtige Unterlenninger Andreas Bieler einen direkten Vergleich zur unvergessenen Fußball-Europameisterschaft in England vor einem Vierteljahrhundert.

Damals rockten die Comedians Baddiel und Skinner mit ihrer Jahrhundert-Fußballhymne „Three lions“ Platz eins der britischen Hitparade, das englische Team rückte euphorisiert von der Heimkulisse plus Atmosphäre im Land bis ins Halbfinale im Wembleystadion vor - wo dann ein Fehlschuss von Gareth Southgate im Elfmeterschießen gegen Deutschland das Ende bedeutete. „Finale verfehlt“, hieß es damals einmal mehr, dem Rausch folgte Ernüchterung.

„Dass nun ausgerechnet dieser damalige Elfmeterschütze Southgate als Trainer womöglich den ersten internationalen Titel für das englische Team seit 55 Jahren holt, ist natürlich eine ganz besondere Geschichte und wird in den englischen Medien entsprechend thematisiert“, berichtet Bieler, der an der Universität Nottingham als Professor für politische Ökonomie lehrt.

Bieler, seit seiner frühesten Kindheit mit Borussia Mönchengladbach symphatisierend, sieht Gareth Southgate in der Tat als Schlüsselfigur für den Erfolg. „Er hat, trotz mancher Widerstände, in aller Ruhe eine Mannschaft geformt und alle Stars in den Dienst des Teams gestellt“, sieht der 54-Jährige das Wirken des 57-fachen Nationalspielers äußerst positiv. Bereits bei der Weltmeisterschaft 2018, die Engländer scheiterten damals unglücklich im Halbfinale 1:2 an Kroatien, hätten die „Three Lions“ überzeugt. „Der Tiefpunkt für Southgate bei der aktuellen EM war sicher das 0:0 gegen Schottland“, sagt der Unterlenninger, das magere Abschneiden im prestigeträchtigen britischen Duell habe in den bekanntermaßen nicht gerade zimperlichen englischen Medien sofort kritische Stimmen laut werden lassen. Doch das Geschäft stellt sich bekanntermaßen als schnelllebig dar. „Das 4:0 gegen die Ukraine im Viertelfinale hat eine regelrechte Euphoriewelle ausgelöst“, sagt Bieler.

Schlechte Erinnerungen

Einen klaren Favoriten fürs Finale hat er derweil nicht ausgemacht. Wenn überhaupt, sei Italien aufgrund der bisherigen Leistungen „leicht favorisiert“. Gut möglich allerdings, dass Englands Angreifer Raheem Sterling letztendlich den Unterschied macht. Mönchengladbach-Fan Bieler hatte schon früh Bekanntschaft mit dem aktuellen Superstar im englischen Team gemacht: am 8. Dezember 2015. Damals saß Andreas Bieler beim 4:2 von Manchester City gegen Borussia Mönchengladbach im Stadion - ausgerechnet Sterling traf doppelt und machte damals ganz nebenbei Gladbachs Europa-Träume zunichte.

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