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Die beste Schule für mein Kind

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Serie „Schule“, Folge 6

Gibt es die perfekte Schule? Jeder kennt aus eigener Erfahrung die Institution Schule, hat individuelle Erfahrungen gesammelt und ist unterschiedlicher Ansicht darüber. Kommt das eigene Kind ins schulfähige Alter, stellt sich manch einer die Frage, was denn der ideale Lernort wäre und wo das Kind am besten auf das Leben vorbereitet wird. Wenn sich Eltern dann gegen die staatliche und für eine Privatschule entschieden haben, haben sie die Qual der Wahl. Sie können aus einer Vielzahl von Freien Schulen wählen mit einer ebenso großen Unterschiedlichkeit in den pädagogischen Ansätzen. Es gibt viel Literatur darüber*, außerdem hatte ich das Glück, mit einer Montessori-Lehrerin reden zu können, die selbst eine Waldorfschul-„Karriere“ hinter sich hat. Daraus ergab sich die Möglichkeit eines Vergleichs Waldorfschule - Montessorischule.

Geschichte

Die erste Waldorfschule wurde 1919 in Stuttgart gegründet durch den Zigarettenfabrikanten (Marke „Waldorf-Astoria“) Emil Molt, der durch Vorträge des Anthroposophen Rudolf Steiner über Erziehung und Schulfragen sensibilisiert wurde. Den Kindern seiner Arbeiter wollte er eine gute Schulbildung zukommen lassen, und so kam es, dass Kinder aus finanziell gut aufgestellten Kreisen und Arbeiterkinder, denen Molt das Schulgeld zahlte, erstmals eine gemeinsame schulische Erziehung erhielten. Zentrales Ziel ist die Erziehung zur Freiheit.

Montessori. Maria Montessori war 1896 die erste Ärztin in Italien. Spezialisiert auf Kinderpsychiatrie, hatte sie auch pädagogische Interessen. Durch intensive Beobachtung der Kinder entdeckte sie, dass sie selbst ihre kleinen Brotrationen in Handlungsgegenstände verwandelten, mit denen sie sich stundenlang beschäftigten. Davon inspiriert erfand sie heilpädagogische Materialien für den Sprach- und Mathematikunterricht sowie Übungen des täglichen Lebens, die sie in der von ihr 1907 gegründeten Casa dei Bambini, einer Tages­stätte für Kinder aus sozial ­schwachen Familien, einsetzte und mit denen sie überwältigende Lern­erfolge erzielte. Daraus entstanden das Konzept der Montessori-Pädagogik und die ersten Montessori-Schulen (1924 wurde die ­erste Montessori-Schule in Italien gegründet).

Pädagogisches Konzept

Waldorfschule. Denken (intellektuell), Fühlen (künstlerisch-kreativ), Wollen (handwerklich-praktisch): Alle drei Fähigkeiten sollen gleichzeitig gefördert werden. Es gibt keinen festen Lehrplan, sondern die Lehrkraft entscheidet über Lernziele und Geschwindigkeit anhand der Entwicklung der Klasse (es gibt einen Klassenverbund, der von der 1. bis 12. Klasse zusammenbleibt). Deshalb hat eine Klasse denselben Klassenlehrer/dieselbe Klassenlehrerin bis zum 8. Schuljahr (das kann Probleme geben, wenn ein Schüler oder eine Schülerin es mit dem Lehrer/der Lehrerin nicht so „kann“!). Der Fokus wird auf Bildung gelegt, aber nicht nur vermittelt durch die Lehrperson, sondern durch eigene Erfahrungen. Die Schüler dürfen vieles ausprobieren, die Natur wird wertgeschätzt, Zusammenhänge sollen verstanden und die eigene Urteilskraft gestärkt werden. Es gibt keine Noten, um die Leistung zu messen, sondern Beurteilungen; bei regelmäßigen Monatsfeiern, Theater- und Eurythmie-Aufführungen wird das Gelernte gezeigt. Die Tage beginnen stets mit dem sogenannten Hauptunterricht. Hier widmet sich die Klasse jeweils drei Wochen während der ersten beiden Schulstunden einem Fach und einer Thematik. Von Deutsch über Mathematik, Naturwissenschaften, Geografie oder Geschichte tauchen die Schüler intensiv in das jeweilige Thema ein. Im weiteren Tagesverlauf kommen verschiedene Bereiche aus Kunsthandwerk, Gartenbau, Sport dazu, ebenso Fremdsprachen ab Klasse 1 (Englisch, Russisch oder Französisch). Eurythmie wird von der 1. bis 12. Klasse geübt. Die Eltern sind stark einbezogen (freiwillig!), neben staatlichen Zuschüssen sind sie finanziell gefordert.

Montessori. Das Kind wird als „Baumeister seiner selbst“ verstanden. Die Päda­gogen sind dazu da, zu beob­achten, wann und wofür ein Kind gerade sensibilisiert ist, in welcher Phase es gerade steckt; auf Kontrolle (auch seitens der Eltern) wird verzichtet - „Hilf mir, es selbst zu tun“. Sie machen eine vorbereitete Umgebung mit Lernmaterialien, die dem gerade aktuellen Interesse und Entwicklungsstand des Kindes entsprechen. Diese Materialien sind sehr klar strukturiert und haben eine ganz bestimmte Funktion und eine aufbauende Systematik (Sandpapierbuchstaben zum ersten Kennenlernen, dann Buchstaben aus Holz, das Rechnen fängt mit Perlen an usw.). Die Rolle der Pädagogen ist die von Beratern oder Partnern, es werden keine Noten gegeben, sondern Entwicklungsberichte geschrieben. Die Kinder werden in die Reflexion ihrer Arbeiten mit eingebunden, können selbst beurteilen, ob sie mit ihrer Arbeit zufrieden sind. Es gibt idealerweise einen altersgemischten Klassenverbund, in dem die Individuen sich gegenseitig bereichern und inspirieren. Jedes Kind darf nach eigenem Rhythmus und eigener Geschwindigkeit Freiarbeit machen. Ab der Sekundarstufe kommt Projektarbeit bzw. praktische Arbeit (Holzbearbeitung, Kfz-Technik u. a.) dazu.

Und was sagt die Expertin?

Zentral ist bei der Entscheidung, dass es ein Lernort ist, an dem mit Lust und Freude Neues entdeckt werden kann. Jedes Kind ist anders und kommt aus einem sehr unterschiedlichen familiären Hintergrund. Die Haltung der Erwachsenen ist wesentlich. Daher gibt es nicht die eine perfekte Schule. Gemeinsam ist beiden Schulsystemen der andere Blick auf das Kind. Wer eine Schule mit einem ganzheitlichen System und Konzept von Klasse 1 - 12 sucht, mit einem festen Klassenverbund, und gerne seine handwerkliche und künstlerische Seite entwickeln möchte, ist in einer Waldorfschule gut aufgehoben. Wer eigenverantwortlich arbeiten, sich durch Arbeiten mit Materialien Inhalte erschließen möchte, das soziale Miteinander üben und bei individuellen Themen in die Tiefe gehen möchte, wird sich auf einer Montessori-Schule wohlfühlen. Bei beiden Schulen sind die Eltern gefordert und stark mit einbezogen, auch finanziell (obwohl es staatliche Zuschüsse gibt).

Text: Toni Sauer

* Quelle: L. Hutzenlaub/H. Lam-bertus/P. Plaum: Die beste Schule für mein Kind. Eden Books 2017.

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