Unzugeordnete Artikel

Die Flut kommt in der Nacht

Flut Nach der Hochwasser-Katastrophe sind viele Menschen nach Nordrhein-Westfalen oder Rheinland Pfalz gereist, um zu helfen. Eine von ihnen ist die Wahl-Dettingerin Birgit Haack-Braun. Von Antje Dörr

Zupacken, das liegt in Birgit Haack-Brauns Natur. Auf dem Tobelhof, den die Wahl-Dettingerin mithilfe ihrer Töchter und ihres Mannes betreibt und auf dem Pferde, Schafe, Hunde und Vögel ihr Zuhause haben, geht die Arbeit niemals aus. Als Birgit Haack-Braun von der Flut erfährt, die ihren Heimatort getroffen hat und in dem ihr

„Keiner ist davon ausgegangen, dass die Sülz jemals über die Ufer tritt.

Birgit Haack-Braun

Vater immer noch lebt, fackelt sie nicht lange. Sie und ihr Mann organisieren über gute Kontakte zur Dettinger Freiwilligen Feuerwehr und zum Bauhof der Gemeinde vier leistungsstarke Pumpen und viele Schläuche und fahren los. Die Tiere überlassen sie den beiden Töchtern.

Hoffnungsthal, ein Stadtteil von Rösrath 15 Kilometer von Köln entfernt, ist nicht Erftstadt. Doch auch die Sülz, ein beschauliches Flüsschen, das normalerweise einen Pegelstand von 80 Zentimetern hat und während der Flut auf mindestens vier Meter anschwoll, hat in Hoffnungsthal erheblichen Schaden angerichtet. „Die Bewohner sprechen von einer richtigen Flutwelle. Das Wasser kam so schnell, dass sich die Anwohner gerade noch in Sicherheit bringen konnten“, berichtet Birgit Haack-Braun von dem Unglück, das mittlerweile zwei Wochen zurückliegt. Eine Warnung vor der Flutwelle habe es nicht gegeben, kritisiert sie. In dem Haus ihres Vaters, der sich zum Zeitpunkt der Katastrophe im Urlaub befand, liefen Keller und Erdgeschoss voll, so wie in den meisten Gebäuden des Ortes. Ein Nachbar, der schnell noch etwas aus dem Keller holen wollte, starb, weil die Tür aufgrund der Wassermassen nicht mehr geöffnet werden konnte. Birgit Haack-Brauns Schwester war bei der Rettung des Mannes dabei, die irgendwann aufgegeben werden musste. „Das war eine ganz schlimme Erfahrung“, sagt sie tief betroffen. „Man möchte handeln und kann nicht.“

Ausgerüstet mit den Pumpen aus Dettingen treffen Birgit Haack-Braun und ihr Mann am Abend nach der Katastrophe in Hoffnungsthal ein. Die Straßen sind mittlerweile wieder befahrbar, aber in den Häusern steht nach wie vor das Wasser. Ölgestank hängt in der Luft. Birgit Haack-Braun und ihr Mann machen sich sofort an die Arbeit. Bis zum Eintreffen der örtlichen Feuerwehr pumpen sie - mit Ausnahme der ölverseuchten Häuser - viele Keller leer. „Es war toll, dass wir die Pumpen hatten. Sonst hätten wir nicht viel machen können“, sagt sie.

Wenige Tage nach der Flut türmt sich in den Straßen Hoffnungsthals der Müll zu hohen Bergen. In den meisten Häusern ist das Mobiliar aufgrund des ölverseuchten Wassers nicht mehr zu gebrauchen. Ob die gefluteten Autos noch zu retten sind, ist fraglich. „Sehr viele Menschen haben alles verloren. Das ist wirklich tragisch.“ In Hoffnungsthal hätten viele Menschen keinen ausreichenden Versicherungsschutz gegen die Folgen des Hochwassers, sagt Birgit Haack-Braun. „Dadurch, dass das Gebiet hochwassergefährdet ist, sind die Elementarversicherungen entsprechend teuer.“ Keiner sei davon ausgegangen, dass die Sülz jemals über die Ufer tritt. Aktuell ist die Wahl-Dettingerin wieder vor Ort, um ihren beiden Geschwistern und dem Vater bei den Aufräumarbeiten zu helfen. Der Vater hat eine entsprechende Versicherung, aber das Warten auf den Sachverständigen ist zermürbend und sorgt dafür, „dass die Feuchtigkeit noch ­tiefer in die Wände reinsitzt“. Wer keine Versicherung hat, ist jetzt schon aktiv. „Viele reißen schon den Estrich raus, weil darunter eine Styroporschicht ist, die sich mit dem öligen Wasser vollgesaugt hat. Den Geruch kriegt man nicht mehr los“, sagt sie.

Wenn Birgit Haack-Braun an künftige Hochwasser denkt, wird ihr bange. „Wenn das die Zukunft für unsere Kinder ist, dann tut es mir leid, dass wir etwas versäumt und zu gut gelebt haben“, sagt sie. „Ich mache auch unsere Regierung dafür verantwortlich, dass sie Entscheidungen auf die lange Bank schiebt“, sagt sie mit Blick auf klimapolitische Entscheidungen. Man könne das nicht alles den Menschen überlassen. „Der Mensch lebt halt gern am bequemsten.“

Auch Tiere sind Opfer der Flut

Spendenaktion Birgit Haack-Braun und ihre Familie haben für Tierbesitzer aus den stark betroffenen Gebieten im Ahrtal und dem Erft­gebiet Sachspenden wie Futter, Fliegenspray, Verbandsmaterial und Zaunmaterial gesammelt und über einen Bekannten an Verteiler­plätze gegeben. „In den Gebieten wurden sehr viele Pferde von den nassen Weiden und aus den Ställen gerettet. Laut einem Bericht schwammen die Pferde teilweise 24 Stunde lang in ihren Boxen“, sagt Birgit Haack-Braun. Glücklicherweise könnten Pferde gut schwimmen. Aber natürlich seien auch Tiere gestorben. Kleintiere und Vögel seien teilweise weggeschwemmt worden und würden jetzt von verschiedenen Tierschutzorganisationen mit Lebendfallen eingefangen. Auch Hunde tauchten immer wieder auf. Vermisste oder gefundene Tiere werden im Internet auf bestimmten Seiten veröffentlicht, um sie wieder mit ihren Besitzern zusammen­zubringen.adö

Anzeige