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Die hässliche Seite von Pretty Woman

Prostitution Am Montag öffnen auch im Kreis Esslingen die Bordelle wieder. Rahab, ein Projekt des Kreisdiakonieverbands, kümmert sich um Frauen, für die der erhoffte Weg ins Glück in der Hölle endet. Von Bernd Köble

Fast jeder kennt die Geschichte des schönen Callgirls, das in ihrem schwerreichen und gesitteten Freier die Liebe ihres Lebens findet. Pretty Woman war vor 30 Jahren ein Kassenschlager in den Kinos. Eine Story, die sein will, was sie ist: ein romantisches Märchen. Die Realität sieht ganz anders aus. Prostitution heißt auch in Deutschland Gewalt, Erniedrigung, soziales Elend. 13 Bordelle und zahlreiche angemietete Wohnungen, in denen Frauen ihren Körper gegen Geld anbieten, gibt es im Kreis Esslingen. Rund 200 Prostituierte sind hier dem Gesundheitsamt gemeldet. Die wahre Zahl, so rechnen Experten, liegt zehnmal höher.

Fast hinter jeder verbirgt sich ein Schicksal. Rund 90 Prozent der Frauen, die in diesem Gewerbe hier im Kreis arbeiten, stammen aus Osteuropa. Ohne soziale Absicherung und ausreichend Sprachkenntnisse, als Quasi-Selbstständige in zur Verfügung gestellten Räumen versorgen sie mit ihren Einkünften häufig Familien und Verwandte in der Heimat. Ihre Leidensgeschichte hat Eberhard Haußmann bei einer Diskussionsveranstaltung vor sechs Jahren derart aufgerüttelt, dass er beschlossen hat, zu handeln. Der Kirchheimer Geschäftsführer des Kreisdiakonieverbands hat mit Rahab eine Beratungsstelle ins Leben gerufen, die sich seit Januar 2020 um Prostituierte in Not kümmert.

Es sind Geschichten, wie die von Laura, die die drei Sozialarbeiterinnen von Rahab in ihrem Alltag begleiten. Laura ist ein ganz normaler Teenager. Mit 16 macht sie ihren Realschulabschluss. Auf der Suche nach Zuneigung und Anerkennung gerät sie an einen sogenannten Loverboy, der ihr Liebe verspricht, Komplimente macht und sie alsbald mit finanziellen Nöten konfrontiert. Sie soll ihm zuliebe einem Freund gegen Geld zu Diensten sein - einmalig, versteht sich. Heute ist Laura 25 und der Mann, der ihr die Liebe versprach, ihr Zuhälter.

„Prostitution ist ein knallhartes Geschäft, in dem Frauen Gewalt jeder Art erfahren“, sagt Eberhard Haußmann. „Manche leben in Etablissements mit bis zu 20 Freiern pro Tag.“ Eine Welt, die auch Haußmann nicht ändern kann, doch er will mit seinen Mitarbeiterinnen Hilfe anbieten und Auswege aufzeigen. Aus Situationen, in denen Schulden, Angst vor Obdachlosigkeit, Verfolgung und Krankheiten das Leben bestimmen.

Knapp 100 Beratungsfälle verzeichnete Rahab im ersten Jahr. Trotz Corona ist es gelungen, Kontakt zu den Frauen zu halten. Wenn ab Montag in den Bordellen die Türen wieder öffnen, wollen auch die Helferinnen von Rahab zur Stelle sein. Als Anlaufstelle bekannt werden, Vertrauen schaffen, Brücken bauen - darum geht es. Wer bereit ist, auszusteigen, bekommt Rat und Hilfe. So wie Laura, für die inzwischen ein Wohnplatz in einer WG gefunden wurde und die als Trauma-Patientin in psychiatrischer Behandlung ist. Es geht nicht darum, zu bekehren, sondern Existenznot zu lindern. Zugang zu Grundsicherung, zu Ärzten und Kliniken, zu einem Rechtsbeistand, zum Jobcenter oder zur Schuldnerberatung des Landkreises. Der Lockdown hat viele Frauen, die meist gar kein eigenes Konto besitzen, mittellos gemacht. Wer nicht in Bussen zurück in die Heimat gekarrt wurde, musste zu horrenden Mieten in den Arbeitsräumen wohnen. Einzige Alternative: die Straße. „Corona hat viele in die Obdachlosigkeit getrieben“, sagt Rahab-Projektleiterin Maria Neuscheler.

Eines der wichtigsten Ziele für die Zukunft ist es deshalb, eine eigene Schutzwohnung für Ausstiegswillige zu finden. Das alles kostet Geld. Der Kreisdiakonieverband wird bisher mit Mitteln aus der Deutschen Fernsehlotterie und einer ergänzenden Förderung durch das Sozialministerium im Land unterstützt. Ende 2022 läuft die Finanzierung der 1,85 Vollzeitstellen, die sich die drei Mitarbeiterinnen teilen, aus. Nicht nur Maria Neuscheler hofft, dass es gelingt, das Projekt dauerhaft zu sichern und weiter auszubauen. Es geht nicht nur um praktische Hilfe, sondern auch darum, den öffentlichen Diskurs am Leben zu halten. „Wir müssen uns fragen“, sagt sie, „wollen wir als Gesellschaft wirklich, dass Menschen Menschen kaufen?“

Eine Frage, die sich auch der Gesetzgeber stellen muss. Wie es gehen kann, zeigen die Schweden mit dem, was bereits 1999 als Vorläufer des „nordischen Modells“ an den Start ging. Dort werden nicht die Opfer kriminalisiert, sondern der, der Sex kauft. In Skandinavien zwar nur eine Ordnungswidrigkeit, aber eine, die wirkt. Denn, so Maria Neuscheler: „Einen solchen Ordnungsbescheid will kein Mann nach Hause bekommen.“

Listige Frau in einer von Männern dominierten Welt

Rahab stammt aus dem Hebräischen und taucht im Alten Testament in der Bibel als Name einer Prostituierten auf, die bei der Einnahme und Zerstörung Jerichos durch die Israeliten ihre Familie und die übrigen Einwohner durch eine List vor einem Massaker bewahrt haben soll.

Demnach soll die Frau zwei von Josua nach Jericho ausgesandte Kundschafter vor Soldaten des Königs in ihrem Haus versteckt und sich durch ein Glaubens­bekenntnis die Gunst der späteren Eroberer gesichert haben.

In der christlichen Tradition gilt die Figur Rahab als Vorbild, weil sie sich mit einer List in einer männerdominierten Welt behauptet und sich dabei fürsorglich zeigt. bk

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