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Die Mutmacherin macht weiter

Parasport Bei den Paralympics in Tokio hat die in Kirchheim aufgewachsene Sylvia Pille-Steppat im Rudern zwar knapp eine Medaille verpasst, setzt sich aber trotz Handicaps bereits neue Ziele. Von Reimund Elbe

Sie wuchs in Kirchheim auf, machte am Ludwig-Uhland-Gymnasium Abitur, studierte anschließend Architektur in Würzburg und lebt seit rund drei Jahrzehnten in Hamburg. 2021 wird für sie zu einem bemerkenswerten Jahr: Sylvia Pille-Steppat hat ihre Paralympics-Premiere gefeiert. In Tokio verfehlte die 53-Jährige im Ruder-Einzel nur knapp eine Medaille.

Dieser internationale Auftritt in Japan vor Weltpublikum - unbestritten sportlicher Höhepunkt für die gebürtige Stuttgarterin, die im Alter von sechs Monaten mit ihrer Familie nach Ötlingen zog.

Ihre Lebensgeschichte bewegt, beeindruckt und macht Mut zugleich, wie ein Blick in die Vergangenheit zeigt. Hamburg, 1995. Bei den Deutschen Meisterschaften im Marathonlauf feiert Sylvia Pille-Steppat ihren bis dahin größten Erfolg. Im Dress des Harburger Turnerbunds holt sie sich zusammen mit Ute Bergeest und Ricarda Bolzon den Vizetitel in der Frauen-Teamwertung. Bis auf 2,56 Stunden steigert sich die Langstrecklerin in den Neunzigerjahren auf der 42,195-Kilometer-Distanz.

Doch noch bevor das Potenzial auf der längsten olympischen Laufdistanz gänzlich ausgereizt werden kann, bekommt die leidenschaftliche Ausdauersportlerin eine brutale Diagnose: Multiple Sklerose. Mit 34 Jahren. Einige Zeit kann sie zwar noch beim Hamburg-Marathon mitjoggen, doch die Bewältigung fällt aufgrund einer fortschreitenden Gehbehinderung immer schwerer. Selbst Autofahren geht bald nicht mehr. „Schon nach relativ kurzer Zeit war ich auf einen Rollstuhl angewiesen“, blickt die zweifache Mutter auf diese extrem belastende Lebensphase zurück.

„Ich bewundere meine Tochter dafür“, sagt Vater Eduard Steppat über das, was in den Folgejahren geschieht. Sylvia Pille-Steppat lässt sich nicht unterkriegen, sucht neue Herausforderungen, die auch mit den immer stärker werdenden körperlichen Handicaps bewältigbar sind. „Immer wenn ich an der Alster war, habe ich die Ruderer auf dem Wasser beobachtet“, erinnert sich die ehemalige Kirchheimerin. 2013 steigt die Architektin in ihr erstes Boot, wird Mitglied im Wilhelmsburger Ruderclub. Dort überließ man ihr das breiteste Boot, außerdem wurde der Rollsitz entfernt und durch ein Kissen ersetzt.

Erfolge stellen sich schnell ein

Die einstige Langstreckenläuferin kämpft sich nicht nur dank dieser enormen Hilfsbereitschaft förmlich in die neue Kraftsportart hinein. Wohldosiert und stetig steigert sie das Trainingspensum, alsbald stellt sich mit Platz neun im Zweier-Mix bei der WM 2014 ein erster internationaler Erfolg ein. Es folgt der Wechsel in die AS-Klasse. Nur Arme und Schultern führen hierbei die Ruderbewegungen aus. Die Ruderblätter mit den Händen drehen kann die MS-Erkrankte nicht mehr. Sie setzt nun aufs Einzelboot. Knapp verpasst die Ruder-Quereinsteigerin das Ticket für die Paralympics vor fünf Jahren in Rio.

Der Durchbruch folgt, als die Wettkampfstrecke von 1000 auf 2000 Meter verlängert wird. In Florida gewannt sie WM-Bronze im Einzel. Das Ticket nach Tokio holt sie sich dank eines fünften Platzes bei der Weltmeisterschaft 2019 in Linz. „Damit habe ich mir einen großen Traum erfüllt“, sagte sie damals.

Vor wenigen Wochen nun der fünfte Platz im paralympischen Finale von Tokio. „Ziel war der Endlauf“, ordnet Sylvia Pille-Steppat die Leistung ein, ganz ideal sei der Wettkampf aber nicht gelaufen - der Wind habe zu schaffen gemacht. Das Paralympics-Erlebnis habe aber alles bisher Erlebte getoppt. Die Atmosphäre sei „überwältigend“ gewesen, erinnert sich Pille-Steppat an die Tage von Tokio. Strikte Coronaregeln hätten starke Einschränkungen gebracht. Selbst die Shuttle-Busse mit den Athletinnen und Athleten wurden bei der Fahrt zu den Wettkampfstätten versiegelt, ein Verlassen des paralympischen Dorfes zu privaten Zwecken war nicht gestattet, zig Testungen und das Ausfüllen unzähliger Formulare waren vorgeschrieben. „Doch zumindest zur Eröffnungsfeier durften wir“, arbeitet Sylvia Pille-Steppat ganz ihrer Einstellung folgend das Positive heraus. 48 Stunden nach dem Wettkampf mussten die Sportlerinnen und Sportler das Land wieder verlassen.

„Ich trainiere weiter“, kündigt die frischgebackene Paralympionikin an. Mit Paris 2024 lockt ein großes Ziel. Bis dahin liegen drei Jahre knallhartes Training vor ihr.

Einsatz für barrierefreie Stadt

Parallel wird sie viel für Menschen mit Handicap tun. Hauptberuflich arbeitet sie kaum zufällig für die Fachstelle für Barrierefreiheit der Stadt Hamburg, kümmert sich im dortigen Kompetenzzentrum um eine barrierefreie Quartiersentwicklung. Platz fünf in Tokio? Nimmt sie als neue Motivation für Paris 2024. Dann wird sie 56 sein.

Ihre alte Liebe Marathon hat sie übrigens nicht ganz aus dem Blick verloren. 2015 startete Sylvia Pille-Steppat noch mal beim Hamburg Marathon - mit dem Handbike wurde sie in ihrer Altersklasse gleich mal Dritte.

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