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Die Pflicht zum Piks stößt auf Skepsis

Schutz Die meisten Kliniken und Pflegeeinrichtungen im Kreis haben in der Belegschaft mittlerweile eine hohe Impfquote erreicht. Druck wollen die Träger nicht ausüben. Sie setzen auf Argumente. Von Simone Weiß

Eine mögliche Impfpflicht für Angehörige von Pflegeberufen sorgt für Diskussionsstoff. Foto: Carsten Riedl
Eine mögliche Impfpflicht für Angehörige von Pflegeberufen sorgt für Diskussionsstoff. Foto: Carsten Riedl

Ein kleiner Piks - eine große Diskussion. Corona und die Folgen liefern Stoff für Debatten. Beim Thema Impfpflicht, die zurzeit für die Angehörigen von Pflegeberufen angedacht wird, gehen die Meinungen weit auseinander. Mitarbeitende in Kliniken und in der Altenpflege haben direkten Kontakt zu besonders durch das Coronavirus gefährdeten Personen. Eine Umfrage in Krankenhäusern und Pflegeheimen im Landkreis zeigt, dass die Bereitschaft zu einer Immunisierung bei den Belegschaften hoch ist.

Das Klinikum Esslingen

Die Werbetrommel wurde im Esslinger Klinikum kräftig gerührt. „Wir haben sehr viel Kommunikation betrieben, unsere eigenen Ärzte wurden aktiv, und wir haben seit Februar viele Angebote an unsere Mitarbeitenden gemacht“, sagt Pressesprecherin Anja Dietze. Etwa 800 ihrer Kollegen und Kolleginnen hätten sich im Haus impfen lassen, zwischen 200 und 300 erhielten die Immunisierung über ihren Hausarzt oder die Impfzentren, und ungefähr 100 Mitarbeiter hätten sich mit dem Virus angesteckt und seien inzwischen genesen. Somit seien von den gut 1700 Mitarbeitenden im Klinikum Esslingen etwa 70 Prozent gegen die Pandemie gefeit. Zu einer Impfpflicht für Pflegeberufe äußert sich die Pressesprecherin zurückhaltend: „Das Thema einer verpflichtenden Impfung ist eine gesamtgesellschaftliche Fragestellung, die nicht von uns als einzelnem Krankenhaus oder Arbeitgeber geklärt werden kann.“ Es liege aber im Interesse des Esslinger Klinikums, eine hohe Impfquote in der Belegschaft zu erreichen.

Die Filderklinik

Eine hohe Impfquote kann auch Marleen Job von der Filderklinik in Filderstadt-Bonlanden nach Rücksprache mit dem Ärztlichen Direktor Stefan Hiller melden. Anhand der ausgestellten Impfbescheinigungen und der im Haus verabreichten Impfdosen werde davon ausgegangen, dass etwa drei Viertel der 780 Mitarbeitenden komplett geimpft sind. Schwerwiegende Nebenwirkungen seien nicht aufgetreten: „Die meisten Mitarbeitenden hatten nach der Impfung ganz typisch Schmerzen an der Impfstelle, einen schweren Arm, Schüttelfrost oder Kopf- und Gliederschmerzen.“ In der Diskussion über eine Impfpflicht vertrete ihr Haus die Meinung, dass die Entscheidung jedem Mitarbeitenden freigestellt sein sollte: „Natürlich sind wir uns der Verantwortung bewusst, die unsere Mitarbeitenden im Patientenkontakt haben und kommunizieren dies auch entsprechend im Haus. Wir sehen es als Arbeitgeber als unsere Aufgabe an, die Mitarbeitenden stets vollumfänglich über die Impfung aufzuklären.“

Medius-Kliniken

„Herdenimmunität erreicht“, sagt Iris Weichsel, Unternehmenssprecherin der Medius-Kliniken im Landkreis Esslingen. Von den 3278 Mitarbeitenden an den drei Standorten in Nürtingen, Kirchheim und Ostfildern-Ruit seien Stand Ende Juli 2530 Personen oder 77 Prozent vollständig geimpft gewesen. Zusammen mit den Genesenen würde die Zahl der Immunisierten bei ungefähr 85 Prozent liegen. Zu einer Impfpflicht verweist die Unternehmenssprecherin auf die persönliche Entscheidungsfreiheit jedes einzelnen Mitarbeitenden. Aber: „Wir haben als Arbeitgeber ein Interesse daran, dass sich die Kollegen und Kolleginnen impfen lassen, und wir versuchen, sie auch entsprechend zu motivieren.“

Städtische Pflegeheime Esslingen

Die Impfbereitschaft der etwa 500 Beschäftigten in den städtischen Pflegeheimen entspricht mit etwa 64 Prozent ungefähr dem bundesweiten Durchschnitt, sagt Geschäftsführer Thilo Naujoks. Zu Anfang des Jahres, zum Start der Impfkampagne in den Einrichtungen, sei die Motivation sehr hoch gewesen. Doch der Vorstoß des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, eine Impfpflicht in Pflegeberufen einzuführen, habe den Schwung abgebremst. „Erst klatscht man uns zu und jetzt sollen wir verpflichtend Versuchskaninchen spielen“, sei der Tenor unter seinen Kollegen gewesen. Schwierig sei die Umsetzung der unterschiedlichen Regelungen: Geimpfte müssten sich in Pflegeheimen einmal pro Woche testen lassen, Ungeimpfte drei Mal. Das sei schwer zu kontrollieren. Eine Impfpflicht für Pflegeberufe hält Thilo Naujoks längerfristig für eine gute Lösung. Kurzfristig sei eine solche Verpflichtung nicht umsetzbar, da es auch erst mit dem Hausarzt abzuklärende medizinische Gründe gegen eine Impfung gebe und bei Gegnern Überzeugungsarbeit geleistet werden müsse. Eine verpflichtende Impfung gegen Masern bei Auszubildenden in den Pflegeberufen sei bei ihrer Einführung auch heftig diskutiert worden, doch nun sei sie zur Selbstverständlichkeit geworden.

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