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Die sieben kleinen Koffer sind gepackt

Kirche Nach 27 Jahren als Pfarrer in Kirchheim geht Winfried Hierlemann in den Ruhestand. Seinen letzten Gottesdienst hält er am 31. Oktober. Von Peter Dietrich

Winfried Hierlemann, wie man ihn in Kirchheim kennt: Von 1994 an war der gebürtige Süßener hier katholischer Pfarrer. Nun geht e
Winfried Hierlemann, wie man ihn in Kirchheim kennt: Von 1994 an war der gebürtige Süßener hier katholischer Pfarrer. Nun geht er in Rente.

Sieben kleine Köfferchen hat Pfarrer Winfried Hierlemann vom Kirchengemeinderat bekommen. Jedes Köfferchen enthält eine Programmbeschreibung für einen Abschiedstermin. Sie beginnen Mitte September, am Ende steht der Verabschiedungsgottesdienst am 31. Oktober in Maria Königin. Rente mit 65 oder 67? Nein, für katholische Priester gilt die 70.

„Ich bin eigentlich Quereinsteiger“, sagt Pfarrer Hierlemann. In Süßen aufgewachsen, wurde er zuerst in Göppingen bei einer Krankenkasse ausgebildet, damals noch als Beamter. Er engagierte sich in der katholischen Jugendarbeit, erlebte seinen Heimatpfarrer als Vorbild und dachte sich: „Das könnte ich auch machen.“ Die erste Hürde war das fehlende Abi, er machte es auf dem zweiten Bildungsweg nach. Das Studium kam von 1983 bis 1988: zwei Jahre in Tübingen, drei Jahre in Innsbruck. Er ging aufs Priesterseminar. „Meine Familie und meine Freunde haben diesen Weg alle positiv aufgenommen.“

Als Diakon kam er nach Waldachtal, als Vikar nach Ravensburg und Albstadt-Tailfingen. 1994 kam er als Pfarrer nach Kirchheim - und blieb bis heute auf dieser ersten Pfarrstelle. Wie kam das? „Von verschiedenen Rottenburger Personalchefs kamen Anrufe, dass es jetzt Zeit für einen Wechsel wäre.“ Gezwungen werde aber keiner. Und es gab immer sehr gute Gründe zum Bleiben. Einer war ein neues Modell, das von 2013 bis 2019 fürs Lenninger Tal galt: Dort gab es eine „Gemeindeleitung durch Laien“, durch eine Gemeindereferentin, Winfried Hierlemann war parallel in Kirchheim Leitender Pfarrer und im Lenninger Tal Leitender Pries- ter - ein Unterschied. Das Modell war an Personen gebunden. Weitere Gründe zum Bleiben waren die weltoffene Kirchengemeinde und das sehr gute Miteinander mit St. Ulrich und dem Kollegen Franz Keil, er kam wenige Jahre nach Winfried Hierlemann in die Stadt. „Wir waren schon immer Gesamtkirchengemeinde.“ Auch die Ökumene hat in Kirchheim lange Tradition, den „Ökumenischen Rat der Südstadt“ gab es bei Winfried Hierlemanns Ankunft schon. Von Anfang an war der neue Pfarrer in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen aktiv. Aktiv war er auch bei den Gottesdiensten: Jedes Wochenende standen drei an, in Jesingen, Dettingen und Maria Königin, davon einer am Samstagabend und zwei am Sonntagmorgen. Hinzu kamen die monatlichen Gottesdienste in Nabern und Bissingen, unter der Woche als Gast in evangelischen Kirchen gefeiert. Ein wichtiger Treffpunkt war das Bohnauhaus, 1985 als Zentrum für das ganze Stadtviertel in Betrieb genommen. 1995 wurde in Jesingen das Gemeindezentrum mit Gottesdienstraum eingeweiht.

Auch baulich nahm die Kirche Maria Königin den Pfarrer in Anspruch. Sie entstand zu einer Zeit, in der man Beton für unzerstörbar hielt. 2015, zum 50-jährigen Jubiläum, wurde der Beton saniert. Eine Innensanierung hatte es schon zehn Jahre zuvor, zum 40. gegeben, damals wurden der Altar nach vorne geholt und die Orgelempore entfernt. Die neue Orgel kam 2010 - und war für den Kirchenmusikliebhaber Hierlemann noch ein Grund zum Bleiben. Auch die meisten Einwohner blieben. „Die Gemeinde ist älter geworden. Es sind noch Leute da, die die Kirche Maria Königin mitgebaut haben.“

„Man spürt die Unzufriedenheit“, sagt Winfried Hierlemann über seine Kirche. „Was das Zweite Vatikanische Konzil beschlossen hat, ist noch nicht umgesetzt.“ Doch es gebe Menschen, die den Aufbruch möchten: „Ich kann das nur unterstützen, ich erwarte mir etwas vom Synodalen Weg. Wenn nichts passiert, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn die Leute uns davonlaufen.“

Den Ruhestand will er in Süßen verbringen, dort steht das elterliche Haus. Einige Bücher warten auf die nötige Zeit, manche noch in der Folie, eine zweibändige Geschichte der Diözese ebenso wie Krimis. Eine Anfrage zur Aushilfe ist auch schon da. Winfried Hierlemann will auch als geistliche Begleitung mit den Lesern des Katholischen Sonntagsblatts reisen und weiterhin Einführungskurse für Kommunionhelfer leiten.

Er feierte gerne die Liturgie, er hat sich über die Hochzeit von Menschen gefreut, denen er schon die Erstkommunion gab oder die er vom Religionsunterricht in der dritten und vierten Klasse kannte. Von der Taufe bis zum Sterben hat er - auch im Vorstand der AG Hospiz - Menschen durch das ganze Leben begleitet. „Du kannst doch ein Buch schreiben.“ Diesem persönlichen Rat will Winfried Hierlemann nicht folgen, selbst wenn er dafür so einige Anekdoten kennen würde. Etwa, als die ersehnte Braut in Dettingen vor dem Auto stand und nicht nach Maria Königin fahren konnte, weil der Bräutigam den Autoschlüssel hatte. Sie rief dann an und wurde abgeholt.

Die Stelle von Winfried Hierlemann als Leitender Pfarrer wird in eine Stelle für einen Pfarrvikar umgewandelt. Bei der ersten Ausschreibung gab es aber keinen Bewerber. Wird einer gefunden, soll er wieder im Pfarrhaus bei der Kirche Maria Königin wohnen. Die Veränderung bedeutet eine Entlastung bei Verwaltungsaufgaben, das kommt manchem Seelsorger entgegen. „Nicht jeder will sich mit der 58. Corona-Verordnung herumschlagen“, sagt Hierlemann.

Vom Kirchengemeinderat hat Pfarrer Winfried Hierlemann viele kleine Köfferchen bekommen, jedes Köfferchen ist mit Informationen
Vom Kirchengemeinderat hat Pfarrer Winfried Hierlemann viele kleine Köfferchen bekommen, jedes Köfferchen ist mit Informationen und anderen Dingen für einen Abschiedstermin gefüllt
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