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Die spanische Grippe

Menschen mit Masken im Gesicht sind heutzutage ein alltägliches Bild. Aber dass ein solches Bild auch auf dem Umschlag eines Buches mit dem Titel „Die spanische Grippe“ erscheint, machte mich neugierig. Das von Harald Salfellner 2020 herausgegebene Buch beschäftigt sich mit der verheerenden Influenza-Epidemie zu Ende des 1. Weltkriegs, die mit einer oft tödlichen Pneumonie einherging.

Wo der Auslöser zu verorten ist, bleibt bis heute umstritten, die einen sagen China (!), die anderen USA oder Russland. Fakt ist, dass es schon damals, kriegsbedingt, weltweiten Austausch an Menschen und Material gab. Chinesische Kontraktarbeiter wurden nach Frankreich verfrachtet, um dort Hilfsdienste zu leisten, sie bringen eine hoch infektiöse Pneumonie mit, leben zusammengepfercht in schlechten Unterkünften und infizieren sich gegenseitig und die sie umgebende Bevölkerung. Auch in den USA häufen sich im Frühjahr die Influenza-Fälle (z.B. starb am 27. 5. 1918 ein gewisser Friedrich Trump, der Großvater des aktuellen amerikanischen Präsidenten, an der Grippe), und das Virus wird durch Truppenverlagerungen nach Europa verbreitet. Allerdings wütet auch hier schon der Erreger.

Ab Ende Mai wird aus Spanien unzensiert - im Gegensatz zu vielen anderen Ländern - über die Epidemie berichtet, sodass die Krankheit mit dem Land identifiziert wird und sich der Name einbürgert.

Alles in allem gibt es in den USA 675 000 Tote, in Brasilien 300 000, in Europa 2,5 Millionen, in Indien 14 Millionen, Russland und China geben keine Zahlen bekannt. Es sind mehr Tote als auf den Schlachtfeldern des 1. Weltkriegs, und trotzdem schwindet die Seuche bald aus dem kollektiven Bewusstsein. Seltsam! Aber aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass meine Eltern, die damals 21 bzw. 18 Jahre alt waren und die Pandemie ja miterlebt haben mussten, nie davon gesprochen haben.

Aus dem Buch habe ich gelernt, dass durch die Jahrhunderte Seuchen kommen und gehen und wiederkommen, mit verheerenden Auswirkungen auf die Lebensumstände und die Anzahl der Menschen. So gesehen erleben wir zurzeit nichts Neues, und Maskentragen, Quarantäne, hilfloses Ausprobieren von Medikamenten sowie das große Sterben war zu allen Zeiten an der Tagesordnung.

Das äußerst informative und lesenswerte Buch hat 192 Seiten, die gespickt sind mit Zahlenmaterial, und enthält mehr als 280 Abbildungen.

Text: Toni Sauer

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