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„Die SPD ist zurück im Spiel!“

Wahl Der SPD-Abgeordnete Dr. Nils Schmid setzt darauf, dass die Sozialdemokraten mit einem neuen Koalitionspartner das Land modernisieren. Von Irene Strifler und Frank Hoffmann

„Alle haben sich geirrt“, meint Nils Schmid zur Situation in Afghanistan. Vor diesem Hintergrund will er auch andere „Ausbildung
„Alle haben sich geirrt“, meint Nils Schmid zur Situation in Afghanistan. Vor diesem Hintergrund will er auch andere „Ausbildungseinsätze“ der Bundeswehr wie etwa in Mali neu diskutieren.

Der Hype um SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz schwappt bis in die Provinz: Zum Biergartentalk kommt der Bundestagsabgeordnete und Kandidat Dr. Nils Schmid in Begleitung seiner Tochter in entspannter Stimmung. Er genießt das, denn er kennt es auch anders. Obwohl erst 48 Jahre alt, ist er ein alter Hase im Politbetrieb und kann auf langjährige Erfahrung im Landtag und seit 2017 auch im Bundestag zurück­blicken. Seine Partei hat er im ­Jammertal erlebt.

Jetzt glaubt er zu wissen, worin das Umfragenhoch begründet ist: „Wir haben das Richtige gemacht.“ Damit meint er in erster Linie die Nominierung von Olaf Scholz zum Kanzlerkandidaten. „Die SPD ist zurück im Spiel“, beruft er sich auf Prognosen, wonach seine Volkspartei 25 Prozent schaffen könnte und damit auf jeden Fall vor der CDU liegen dürfte. Dennoch merkt er mit schwäbischer Bescheidenheit an: „Das ist kein gemähtes Wiesle“, die Beweglichkeit der Wähler wachse.

Gut also, dass das Erfolgsrezept der Partei, die seit ­Bestehen der Bundesrepublik dreimal den Kanzler gestellt hat, nach ­Schmids Meinung auf drei Säulen liegt: Wichtigstes Standbein ist besagter Glücksgriff Olaf Scholz. „Er vermittelt Zuversicht“, betont Schmid. Sich selbst bezeichnet er als eingefleischten Scholz-Anhänger, und zwar schon immer. Vom bisherigen Finanzminister wisse man, dass er das Regieren beherrsche. Angesichts vieler Neue­rungen wie einer neuen Kanzlerschaft samt neuen Mehrheiten im Regierungsbündnis hoffe die Wählerschaft auf Konstanz in der Art der Regentschaft. „Ich wähle die SPD wegen Scholz“ ist ein Satz, den Schmid auf Wahlständen oft zu hören bekommt - eine angenehme Erfahrung, wie er findet.

Zweite Säule des Erfolgs ist das Programm der SPD. Zum einen zollt es der Arbeit an sich und den Arbeitenden Respekt. Das Wort dominiert daher auch die Plakate. Zum anderen setze es auf eine „konkrete Modernisierung Deutschlands in naher Zukunft“, meint der Kandidat und nennt Aspekte wie Klimaschutz und Digitalisierung. Bei der Frage, warum die SPD diese Hausaufgaben in der großen Koalition nicht schon längst erledigt hat, verweist er auf die CDU als Hemmschuh. Gleichzeitig macht er die Handschrift der Sozialdemokraten innerhalb der Koalition deutlich. So nennt er beispielhaft den Betreuungsanspruch für Grundschulkinder, ein Lieblingsthema der SPD. Er wurde diese Woche verabschiedet. „Das haben wir gut hingekriegt“, freut er sich und betont, Mitregieren sei immer besser als Opposition.

Die dritte Säule lässt den Zuhörer staunen: Schmid verortet den Umfragenerfolg auch in der Geschlossenheit seiner Fraktion. Geschlossenheit bei einer Bandbreite, die von Merkel-Klon Scholz bis zu den Linksaußen Saskia Esken und Kevin Kühnert reicht? „Als Volkspartei muss die SPD die ganze Bandbreite abbilden“, meint er unbeirrt und verweist auf historische Grabenkämpfe schon unter Willy Brandt oder zwischen Lafontaine und Schröder.

Auch die künftige Regierungskoalition wird wohl eine ­breite Meinungspalette umfassen. Mit den Grünen sympathisieren fast alle in der SPD und hoffen, manches durchsetzen zu können, was ihnen im Gespann mit der CDU verwehrt blieb. Umstritten ist die Frage nach dem Dritten im Bunde. „Mit der FDP kriegen wir das hin“, spricht Schmid Klartext. In sozialer Hinsicht gebe es zwar mehr Übereinstimmungen mit den Linken, räumt er ein. Was ihm komplett gegen den Strich geht, ist jedoch deren außenpolitische Haltung. Generell will Schmid aber nichts ausschließen und sagt: „Demokatische Parteien müssen gesprächsfähig sein.“

Im Wahlkreis sieht der Abgeordnete großes Interesse an den Themen Verkehr, Wohnen und Arbeit. „Wir müssen schnell einsetzbare Flächen für Gewerbe haben“, spricht er sich für Signale aus, Industriestandort bleiben zu wollen. Auch künftig sollten in der Region die besten - emissionsfreien - Autos der Welt gefertigt werden. Das umstrittene Gewerbegebiet Hungerberg in Dettingen befürwortet er klar, nicht zuletzt wegen der Nähe zu Nabern und dem dort angesiedelten „innovationsstarken Wissen“. Zwar sei Verdichtung besser, doch ohne Ausweisung einiger neuer Gebiete gehe es nicht. Generell präge die Region eine extrem zurückhaltende Flächenpolitik, meint er im bundes- und landesweiten Vergleich.

Ähnlich denkt Schmid beim Wohnungsbau und will dringend Sozialwohnungen bauen. Hier habe sich enormer Bedarf angestaut. Sozialer Wohnungsbau müsse angesichts unerschwinglicher Bodenpreise auch auf dem Land eine Rolle spielen. Nicht nur die brachliegenden „Enkelgrundstücke“ will er angehen, sondern auch die langwierigen Genehmigungsverfahren. Zur Beschleunigung brauche man mehr Personal in den Baurechtsämtern. Besonders im ÖPNV erwiesen sich die Genehmigungsverfahren als Hemmschuh, meint der Kandidat mit Blick auf S-Bahn-Verlängerungen. Bestehende Schienenverbindungen wie die Teckbahn nach Lenningen müssten unbedingt gehalten ­beziehungsweise im Fall der Boller Bahn möglicher­weise reaktiviert werden. Radwege gelte es auszubauen, der ÖPNV könne durch das Jahres­ticket für 365 Euro attraktiver werden. Autos müssten künftig leise und umweltfreundlich unterwegs sein. Schmid, der selbst noch ­einen Verbrenner fährt, will den eigenen fahrbaren Untersatz keineswegs abschaffen, denn er ist überzeugt: „Das Bedürfnis nach individueller Mobilität bleibt bestehen.“

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