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Die Stadt lebt die Nachhaltigkeit

Aktion Bei einem Rundgang durch die Innenstadt Kirchheims zeigt sich, wie ressourcenschonendes Leben heute schon umgesetzt wird. Von Andrea Barner

Kundinnen zahlen auch gerne etwas mehr für langlebige Mode, die mehrere Jahre getragen werden kann.Foto: Günter Kahlert
Kundinnen zahlen auch gerne etwas mehr für langlebige Mode, die mehrere Jahre getragen werden kann.Foto: Günter Kahlert

Wenn die Stadt Kirchheim „Energiewende- und Nachhaltigkeitstage“ ausruft, kommt so allerlei zum Vorschein, was nicht auf den ersten Blick erkennbar ist. Als Abschluss der neuntägigen Veranstaltungsreihe steht der „N!-Stadtrundgang“ durch die Innenstadt auf dem Programm.

Wer hätte gedacht, dass im Bereich der „Heidenschaft“ beim Rossmarkt ein kleines, aber effektives Blockheizkraftwerk steht, das das Areal mit Heizungswärme und Warmwasser versorgt? Dass es in Kirchheim kleine Läden gibt, die fair und in bester Bioqualität nachhaltige Ware vertreiben? Und dass sich jedermann kostenlos mit Lebensmitteln versorgen kann, die vor dem Wegwerfen gerettet werden?

Eine kleine Gruppe an Bürgerinnen und Bürger schart sich um die Stele beim Wachthaus, der Treffpunkt für den Stadtrundgang. Martin Lude, langjähriger Stadtführer und Vorsitzender des „Verschönerungsvereins“, informiert erst mal über die Wohnraumsituation in Kirchheim und Umgebung, über ökologisches und sozialverträgliches Bauen mit möglichst geringem Flächenverbrauch. Heinrich Brinker, Stadtrat und ebenfalls Stadtführer, hat die Zahlen parat: wer verbraucht wie viel Energie, welche Anstrengungen haben Privathaushalte, Kommunen und die Industrie unternommen? „Hilft alles nix“, sagt Brinker, es ist immer noch zu wenig.

Energieverbrauch und Abgase müssen drastisch gesenkt werden, um die Klimaziele auch nur annähernd zu erreichen. Für Neubauten können strenge Vorschriften erlassen werden, schwieriger ist es natürlich in der Altstadt. „Es gibt wenig Platz, auch Photovoltaikanlagen sind schwierig bis unmöglich zu installieren“, erklärt Olaf Essig, Gründungsvorstand der Kirchheimer Teckwerke. In der „Heidenschaft“ heißt die Lösung Mini-Blockheizkraftwerk. Geräte und Rohre passen in einen geräumigen Keller. Die Anlage versorgt 48 Wohnungen mit Energie und Wärme aus Gas, mit einem Wirkungsgrad von 94 Prozent.

Weiter geht’s zum Thema Konsum in die Marktstraße. Ingrid Lang betreibt dort das Bekleidungsgeschäft „Ila Ila“, dort gibt es überwiegend Damenmode. „Wir führen faire, nachhaltige Ware“, erklärt die Inhaberin. Deutsche Labels, „aus Bio-Baumwolle, mit ganz wenig Chemie behandelt“. Dezent in den Farben, schick, bewusst zeitlos und vor allem nachhaltig, denn die hochwertigen Kleidungsstücke können mehrere Jahre getragen werden. Sie haben ihren Preis, aber Ingrid Lang hat festgestellt, dass „62 Prozent ihrer Kundinnen nach langlebiger Mode Ausschau halten“. Die Teilnehmerinnen am Stadtrundgang nicken und stimmen zu.

Nächste Station: der „Knack-Punkt“ in der oberen Fußgängerzone. Chefin Susanne Rosenwirth ist eine frühe Trendsetterin in Sachen Nachhaltigkeit und Ökologie. Die Anfänge des Ladens in einer Owener Garage liegen bald 30 Jahre zurück. Kosmetika, Wasch- und Putzmittel oder Gesundheitsartikel gibt es bei ihr, sehr vieles in Großbehältern, zum Nachfüllen mitgebrachter Gefäße. Susanne Rosenwirth: „Natürlich kämpfen wir hier gegen Internetangebote, aber unsere Stärke ist die fachkundige Information, das vielfältige Angebot und die Kurse, mit denen wir Frauen jeden Alters an die Naturprodukte heranführen“, sagt Rosenwirth

Auch Supermärkte machen mit

Nach fast zwei Stunden Rundgang kommt die Gruppe an der Sultan Ahmet Moschee in der Lohmühlegasse an. Heiko Weber und David Kuhn von „Foodsharing“ erklären die Arbeitsweise der Initiative. Die Grundidee, Lebensmittel zu retten und den „Verschwendungswahn“ zu stoppen, wird in Kirchheim von etwa 40 aktiven Rettern unterstützt. Sie holen übrige Lebensmittel bei Cafés, Restaurants, Marktständen oder Bauernhöfen ab, auch einige Supermärkte beteiligen sich schon. Die Waren, die optische Mängel oder das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten haben, bekommen eine zweite Chance und werden im Bekanntenkreis kostenlos verteilt.

Vor dem Eingang zur Moschee steht außerdem ein großer Schrank, gefüllt mit Gemüse und Obst, mit Kaffee und Konserven. Auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Stadtrundgangs dürfen sich hier bedienen. Ein weiterer „Fairteiler“-Schrank wurde an der Zionskirche in Betrieb genommen. „Uns geht es nicht um Bedürftigkeit“, sagt Heiko Weber, „wir wollen dazu beitragen, dass nicht Millionen Tonnen von Lebensmitteln unnötig vergeudet werden.“

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