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Dörfer voller Selbstversorger

Geschichte Über Jahrhunderte hinweg lebten die meisten Haushalte von der Landwirtschaft. Schinderei und Entbehrung prägten einst den Alltag der Bauern rund um die Teck. Von Daniela Haußmann

Owens Hobbyhistoriker Fritz Nuffer beschäftigt sich schon lange mit der Landwirtschaft aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Foto: Da
Owens Hobbyhistoriker Fritz Nuffer beschäftigt sich schon lange mit der Landwirtschaft aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Foto: Daniela Haußmann

Beim ersten Hahnenschrei aus den Federn und schuften bis zur Dämmerung, damit die Familie gerade so über die Runden kommt - so lässt sich das Leben der Bauern bis Mitte des 20. Jahrhunderts beschreiben. Auch die Dörfer rings um die Teck waren Selbstversorger.

Im Hof, ja selbst auf der Dorfstraße, tummelten sich gackernde Hühner, schnatternde Enten und Gänse. Die beiden letzteren Tierarten lieferten, laut Fritz Nuffer, die Daunen fürs Federbett. „In der Speisekammer lagerte ein Vorrat an Mehl, Milch, Eiern, Schweineschmalz, Mohnöl und Dörrobst, das aus luftgetrockneten Kirschen, Äpfeln und Zwetschgen bestand“, wie der Owener Hobbyhistoriker weiß. Üppig ging es in den Bauernhäusern trotzdem nicht zu. Ein- oder zweimal im Winter gab es Metzelsuppe und für einige Wochen Fleisch und Wurst. Die Möglichkeiten, Lebensmittel haltbar zu machen, waren lange begrenzt. Fleisch wurde deshalb geräuchert oder eingesalzen und Würste luftgetrocknet.

Die Abhängigkeit vom Wetter erschwerte den Anbau, weshalb die Bauern den Herrgott um Hilfe baten und ihm zu Erntebeginn in einer Betstunde dankten. Dies nutzte freilich wenig, als 1815 auf der indonesischen Insel Sumbawa der Vulkan Tambora ausbrach. Was hat das aber mit Owen, Lenningen und dem Rest der Teckregion zu tun? Laut Fritz Nuffer und historischen Aufzeichnungen eine ganze Menge. Die geschätzte Sprengkraft des Ausbruchs entsprach 170 000 Hiroshima-Bomben. Die Naturkatastrophe zog eine globale Klimaänderung nach sich. Das Jahr 1816 ging als „Jahr ohne Sommer“ in die europäischen Geschichtsbücher ein. Auch rund um die Teck war es laut Nuffer viel zu kalt. Das vernichtete die Ernte. Viele Bauern brachte das an den Rand ihrer Existenz.

Ob pflügen, eggen, mähen oder das Auf- und Abladen von Gras und Heu vom Fuhrwerk - ohne die Muskelkraft von Frauen und Männern ging nichts. Während der Hackzeit schafften sich Bäuerinnen krumm und bucklig. „Die Zugtiere, allen voran Kühe, mussten allerhand leisten“, so Fritz Nuffer.

Kühe mussten viel leisten

Um 1834 hielten die meisten Landwirte dem Hobbyhistoriker zufolge Kühe, weil sie schwere Arbeit leisten, Lebensmittel und Nachwuchs produzieren konnten. Pferde, Ochsen und Schweine vereinten weniger Vorteile auf sich und waren daher im Unterhalt, aber auch in der Anschaffung teurer. Über Generationen hinweg wurde auf Acker, Feld und Hof jede Hand gebraucht. Für die Schule blieb wenig Zeit. Die Ferien lagen, wie es in der Gutenberger Ortschronik heißt, in der Haupterntezeit. Im Sommer hüteten die Kinder oft den ganzen Tag Ziegen oder Geißen. In der kalten Jahreszeit webten und spannen sie. „Ärmere, die für die Kinder nicht genug Arbeit und Essen hatten, schickten die Älteren über den Winter in fremde Dienste“, sagt Fritz Nuffer.

Schon im 18. Jahrhundert setzte sich die Kirche in Gutenberg gegen Kinderarbeit ein. Das stieß bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf wenig Verständnis. Schließlich trug ihre Arbeitskraft zum Überleben bei. Sobald die Sechs- und Siebenjährigen kräftig genug waren, mussten sie mit anpacken. Auf Säuglinge und Kleinkinder passten die älteren Geschwister auf. Die Kinder hatten es nicht leicht: Auf 100 Geburten kamen in Gutenberg im 18. Jahrhundert 42 Todesfälle. Dass die Frauen vor diesem Hintergrund oft gebären mussten, weil Kinder die familiäre Sozialversicherung waren, verwundert daher nicht. Von einem leichten Leben waren die Menschen weit entfernt.

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