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Ein Flüchtling wird Sozialpädagoge

Leben Tamer Allawi flieht 2015 aus Syrien. Er kommt bis nach Deutschland – ohne die Sprache zu sprechen. Fünf Jahre später beginnt er ein Duales Studium. Sein Arbeitgeber ist die Stadt Nürtingen. Von Juliane Kunz

Tamer Allawi kam 2015 nach Deutschland. Jetzt studiert er Soziale Arbeit. Foto: Juliane Kunz
Tamer Allawi kam 2015 nach Deutschland. Jetzt studiert er Soziale Arbeit. Foto: Juliane Kunz

Im Frühling tauchen Büsche, Bäume und Blumen das sonst wüstenähnliche Syrien in saftiges Grün. Es duftet nach Blumen. „Man kann stundenlang spazieren gehen, ohne zu merken, wie die Zeit vergeht.“ Wenn Tamer Allawi von seinem Heimatland erzählt, lächelt er. Er wächst in Nordsyrien auf mit sechs Schwestern und sechs Brüdern.

Zum Studieren geht er in die Hauptstadt Damaskus und widmet sich den Geisteswissenschaften, der englischen Sprache und Literatur. In den Semesterferien arbeitet er in einem Restaurant, um ein bisschen Geld zu verdienen.

Mit dem Ausbruch des Bürgerkriegs 2011 verändert sich Allawis Leben. „Tag und Nacht waren die Bomben in Damaskus zu hören.“ Er steht kurz vor dem Abschluss seines Studiums, als die Gewalt Damaskus erreicht. „Ich wollte mein Studium beenden, das war der einzige Grund, weshalb ich nicht früher geflohen bin“, sagt Allawi. „Wäre ich nicht geflohen, hätte ich kämpfen müssen.“

Doch für wen hätte er kämpfen sollen? Denn in Syrien stehen sich die Freie Syrische Armee, die Organisation Islamischer Staat, die Volksverteidigungseinheiten und das Assad-Regime gegenüber.

Im Herbst 2015 ist Allawi mit seinem Studium fertig. Er reist von Damaskus nach Nordsyrien, besucht ein letztes Mal seine Familie. Drei seiner Geschwister sind bereits geflohen. Er und sein Bruder wollen die nächsten sein. Bis auf den ältesten Bruder und seine Eltern flieht in den nächsten Jahren auch der Rest der Familie. Viele von ihnen kamen bis in den Irak, wo sie noch heute ausharren.

Doch Allawi und sein Bruder wollen nach Europa. „Ich wollte nach England. Denn ich kannte die Sprache“, erzählt Allawi.

Allawi war 26 Jahre alt, als er im Oktober 2015 in Richtung Türkei aufbrach. Einen Rucksack hatte er mit. Darin ein paar Klamotten, Papiere, Geld und ein Handy. „Die meiste Zeit waren wir zu Fuß, in Bussen oder in Zügen unterwegs.“

Vor allem die Streckenabschnitte, die sie zu Fuß zurücklegen mussten, sind die, bei denen Tod und Angst immer Seite an Seite mit ihm gingen. „Einmal waren wir drei Tage und Nächte in einem Wald. Wir waren eine Gruppe von zwanzig Flüchtlingen, die meisten Frauen und Kinder. Wir hatten nichts zu trinken, nichts zu essen. Ich dachte, ich müsste sterben.“

Schließlich werden sie von Schleppern gefunden. Allawi, weil er Englisch spricht, wird auserkoren, der Gruppe den Weg zu weisen. Die Schlepper erklären ihm den Weg. „Sie sagten: Wenn ihr in die falsche Richtung geht, werdet ihr festgenommen.“ Doch sie liefen den richtigen Weg.

„Wir waren in Serbien angekommen. Die Polizei kam, kontrollierte unsere Papiere und ließ uns das Land passieren.“ Es ging weiter über Ungarn nach Österreich und dann nach Deutschland. Sie waren am Ende ihrer Kräfte, aber auch am Ende ihrer finanziellen Möglichkeiten. Allawis Träume von England platzten. „Wir landeten in Denkendorf. Dort traf ich viele Menschen, die mir geholfen haben. Wenn man so eine Reise hinter sich hat, dann freut man sich über Hilfe. Formulare ausfüllen, allein ein einfaches Lächeln hilft.“ Seither begleitet Allawi ein Leitsatz: „Es ist egal, welcher Religion du angehörst. Sei ein Mensch.“

Er unterstützt als Dolmetscher syrische Flüchtlinge, kommt im ersten Jahr in Deutschland mit Englisch sehr gut zurecht. „Das Arbeitsamt schlug vor, dass ich mich als Integrationsmanager bei Gemeinden bewerben könne. Das tat ich, mit dem Ergebnis, dass ich überall Absagen erhielt. Außer in Nürtingen. Dort kam ein klares Jein.“ Der Grund: Seine Deutschkenntnisse waren nicht gut genug.

Heute, da er weiß, wie die Geschichte ausgeht, kann er darüber lachen. „Mich rief Sven Singler vom Amt für Bildung, Familie und Soziales an und schlug vor, dass ich ein Duales Studium machen könnte.“ Von der Idee war Allawi anfangs nicht begeistert. Jetzt wieder zu studieren, kam ihm vor wie ein Schritt zurück. „Aber Herr Singler motivierte mich.“

Deutsch im Schnelldurchgang

Doch als Flüchtling studiert man nicht einfach so in Deutschland. Ein Sprachenzertifikat mit der Niveaustufe C1 war nötig. Ein Level also, in dem sich Allawi ausführlich zu komplexen Sachverhalten auf Deutsch äußern können muss. Allawi beginnt eine Aufholjagd: Er überspringt das A-Level, steigt gleich mit B1 ein und marschiert schnell weiter bis zum benötigten C1. Doch neben der Sprache gibt es eine weitere Hürde: das Geld.

„Da ich bereits studiert hatte, genehmigte das Jobcenter keine Hilfe für ein zweites Studium.“ Wieder halfen ihm seine Kontakte zum Denkendorfer Betreuungskreis Flüchtlinge: „Dank ihnen bekam ich von der Uni Stuttgart ein Stipendium, das das Studium möglich machte.“ Jetzt studiert Allawi semesterweise an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg „Arbeit - Integration - Soziale Sicherung“ und arbeitet bei der Stadt Nürtingen für das Integrationsbüro und den Sozialen Dienst. Wenn er fertig ist, ist er Sozialpädagoge. Wie es danach weitergeht, weiß er noch nicht. „Es ist schwer, lange in die Zukunft zu planen.“ Natürlich hat er Heimweh nach Syrien, doch, „wenn ich nach Denkendorf komme, ist das auch zu Hause.“

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