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Ein Teamplayer will wieder durchstarten

Kultur Musikpädagoge Andreas Baumann kann es kaum erwarten, mit seinen Chören und Ensembles wieder live aufzutreten. Trotz Corona hat der Altbacher mit seinen Schülern neue Stücke einstudiert. Von Rainer Kellmayer

Andreas Baumann in seiner „Klangwerkstatt“ in Altbach. Der Flügel ist ein besonderes Schmuckstück.
Andreas Baumann in seiner „Klangwerkstatt“ in Altbach. Der Flügel ist ein besonderes Schmuckstück.

In der „Klangwerkstatt“, dem großen Übungsraum im Kellergeschoss seines Eigenheims auf Altbachs Höhen, hütet Andreas Baumann einen besonderen Schatz: Den letzten in Altbach gebauten Flügel der berühmten Pianoforte-Fabrik Schiedmayer, die heute in Wendlingen nur noch Celesten und Tastenglockenspiele fertigt. Auf diesem Prunkstück dürfen seine Klavierschülerinnen und -schüler nicht spielen. Für den Unterricht steht in der Klangwerkstatt neben zwei Klavieren ein weiterer Flügel zur Verfügung. Zudem gibt es für Alte Musik ein Cembalo. Die Arbeit mit seinen Schülern, die aus dem ganzen Landkreis zu ihm kommen, liegt Andreas Baumann sehr am Herzen. „Bisher ist während der Corona-Pandemie keine einzige Unterrichtsstunde ausgefallen“, sagt der Pädagoge, der sein Equipment technisch aufgerüstet hat. Mit Kamera, einem besonderen Mikrofon und leistungsstarken Lautsprechern sei Online-Klavierunterricht sehr gut möglich gewesen. Auch die Chorproben macht Baumann derzeit übers Netz. Das Einüben neuer Stücke ist für ihn kein Problem: „Anhand eines Notationsprogrammes habe ich meinen Chören viele Werke mit speziellen Arrangements zunächst auf den Leib geschneidert und dann eingespielt.“ Am Computer könne er über separate Spuren die einzelnen Gesangsstimmen und auch die Begleitung abspielen. So brachte er die Chormitglieder in Form.

Der direkte menschliche Kontakt fehlte ihm aber sehr: „Ich bin froh, dass Präsenzunterricht wieder möglich ist und auch die Chorarbeit langsam starten kann.“ Denn normalerweise probt er fast jeden Abend mit einem seiner Chöre. Da bleibt dem Krimi-Fan wenig Zeit zum Fernsehen, und auch die Leidenschaft für alte Miniaturautos und seine Carrera-Rennbahn kommt oft zu kurz. Dafür entschädigen die Ausfahrten mit dem Oldtimer, einem 30 Jahre alten silbergrauen BMW 316. Dieses Hobby bringt eine willkommene Abwechslung zum stressigen Alltag, denn die zahlreichen Klavierschüler und seine vier Chöre lassen wenig Zeit zum Durchatmen.

Das Repertoire des Dirigenten ist breit aufgestellt. Mit den Frauen des Evangelischen Kirchenchors Altbach übt er neue Kirchenlieder und Gospels ein. Auf anderen Pfaden bewegt sich der aus 20 jüngeren Herren bestehende Chor „Mann-o-Mann“ der Cäcilia Wernau: Hier sind Pop-Hits der 1980-er Jahre und Schlager ebenso angesagt wie alpenländische Lieder. Zudem dirigiert Baumann den Projektchor von Cäcilia und Liederkranz Wernau und den Frauenchor „Salto Vocale“ in Weilheim. Im Kreis der 30 engagierten Damen fühlt er sich besonders wohl: „Wir studieren Hits ein wie ‚Sound of Silence‘ oder Udo Jürgens‘ Lied ‚Vielen Dank für die Blumen‘. Aber auch Gospels und Klassisches dürfen nicht fehlen.“

Die Liebe zur Musik zieht sich wie ein roter Faden durch Baumanns Biografie. Bereits als Elfjähriger spielte er im Ensemble für Alte Musik Esslingen mit, das sein Flöten- und Klavierlehrer Gottfried Urban leitete. „Wir traten in historischen Kostümen und mit Perücken auf“, erinnert sich Baumann. Gerne denkt er, neben den Konzerten, an einen Fernsehauftritt des Ensembles beim ehemaligen Süddeutschen Rundfunk zurück. Auch die Freizeiten im französischen Ronchamp mit Musiklehrer Hartmut Wolf und seinen Chorfreunden vom Plochinger Gymnasium sind in guter Erinnerung geblieben.

Das musikalische Rüstzeug holte sich Andreas Baumann nach Abitur und Zivildienst an der Stuttgarter Musikhochschule. In Klavier wurde er von Renate Werner und in den Fächern Dirigieren und Ensembleleitung von Helmut Wolf und Norbert Locher unterrichtet. Dann ging’s weiter nach Dortmund: An der Hochschule für Musik erhielt er dort in der Klasse von Rainer Klaas den pianistischen Feinschliff. Noch heute profitiert er davon bei seinen Soloauftritten. Eigentlich ist Andreas Baumann aber ein Teamplayer: „Das Ensemblespiel hat mich schon immer fasziniert.“ Seit 1989 spielt er mit dem renommierten Mallet-Solisten Albrecht Volz im „Duo Vivace“ zusammen. Darüber hinaus widmet sich der vielseitig interessierte Musiker musikalisch-literarischen Programmen. Im Ensemble „Wortton“ sucht Baumann seit 2004, zusammen mit zwei Schauspielern und einem Cellisten, nach einer Symbiose von Literatur und Musik: In normalen Zeiten arbeitet er zudem im Duo mit verschiedenen Instrumentalisten zusammen - doch Corona hat alles ausgebremst. „Es stimmt mich optimistisch, dass derzeit ein Hoffnungsschimmer am Horizont aufleuchtet, und Proben sowie Livekonzerte bald wieder möglich sein werden“, blickt Andreas Baumann voraus. „Ich scharre mit den Hufen und möchte wieder durchstarten.“

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