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Ein Zeichen für mehr Selbstbestimmtheit

Meinung Spitzenturnerin Kim Bui aus Ehningen hat bei der EM einen Ganzkörperanzug getragen.

Region. Bei der Turn-EM in Basel standen nicht nur die Leistungen des deutschen National­teams im Fokus. Kim Bui, Elisabeth Seitz und Sarah Voss haben in ihren Ganzkörperanzügen eine Diskussion angestoßen, deren Dimension sie selbst niemals für möglich gehalten hätten. „Wir hatten die Idee schon vor längerer Zeit und uns immer gefragt, was wohl passiert, wenn wir das einfach machen“, erklärt Kim Bui.

Die quirlige Frau aus Ehningen ist mit ihren 32 Jahren zwar noch jung, im Turnen gehört sie aber definitiv in die Kategorie „alter Hase“. Seit 28 Jahren geht die Studentin der Technischen Biologie an die Geräte, hat zehn deutsche Meistertitel im Einzel, arbeitet gerade an ihrer dritten Olympiateilnahme und ist zudem seit 2009 Athletensprecherin des Deutschen Turnerbundes. Wie eigentlich alle anderen Turnerinnen auch trug sie bei Wettkämpfen stets einen Anzug mit ausgeschnittenen Beinen. „Vor Jahren habe ich bei einem Weltcup in Doha mal eine Turnerin im langen Anzug gesehen. Das war fürs Auge natürlich total ungewohnt, aber es ist erlaubt“, erzählt Kim Bui. Die Version mit den langen Beinen bietet aus ihrer Sicht gleich mehrere Vorteile. „Wir kleben ja alle unsere Anzüge am Po und an den Beinen fest, damit nichts verrutscht“, so die 32-Jährige, die dabei auf ein Mittel zurückgreift, das eigentlich Kompressionsstrümpfe fixieren soll. Beim langen Einteiler verrutscht nichts, und die Turnerin kann sich voll und ganz auf ihre Übung konzentrieren. „Uns ging es darum, aufzuzeigen, dass es eine Alternative gibt und es schön ist, dass man wählen kann. Einfach so, wie man sich wohler fühlt. Das nimmt vor allem den jüngeren Turnerinnen den Druck.“

Dass die Thematik solche Wellen geschlagen hat, findet Bui „ganz schön krass“. In ihren Augen zeigt das aber, dass tatsächlich Gesprächsbedarf besteht. Wobei sie entschieden betont, dass sich die Anzug-Debatte nicht an den derzeit im Turnen diskutierten Missbrauchsfällen entzündet. „Das wurde vielfach in einem Atemzug genannt, hat damit aber nichts zu tun.“ Als Athletensprecherin hat sie jedoch auch hierzu Stellung bezogen, sprach jüngst vor dem Sportausschuss des Bundestages über Misshandlungen, Demütigungen und Erniedrigungen im Turnsport und darüber, was dies mit heranwachsenden Menschen macht. In ihren Augen müssen nun alle gemeinsam zeigen, dass Leis­tungssport möglich ist, „ohne das Wohlergehen von Menschen dafür zu opfern“.

Ob die Ganzkörperanzüge künftig öfter bei Wettkämpfen zu sehen sein werden, muss sich zeigen. Kim Bui und ihre Mitstreiterinnen wollten jedenfalls „nichts revolutionieren“, was sich auch darin gezeigt hat, dass die Ehningerin im Finale der EM wieder im kurzen Anzug auftrat. „Wir sind gespannt. Vielleicht ist das einfach ein Prozess, der auch ein paar Jahre dauern kann.“ Sandra Langguth

Kim Bui bei der EM in Basel im Ganzkörperanzug. Foto: DTB
Kim Bui bei der EM in Basel im Ganzkörperanzug. Foto: DTB
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