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Einladung zum Plauderstündchen

Kommunikation Das Weilheimer Seniorenforum setzt ein Zeichen. Die Mitglieder haben Bänke am Bertoldsplatz zu sogenannten Schwätz-Bänkle umgewidmet, um gegen die Einsamkeit anzukämpfen. Von Sabine Ackermann

Nichts für Maulfaule: Die „Schwätz-Bänkle“ sollen eine Einladung sein, sich „über Gott und die Welt“ auszutauschen.Foto: Sabine
Nichts für Maulfaule: Die „Schwätz-Bänkle“ sollen eine Einladung sein, sich „über Gott und die Welt“ auszutauschen.Foto: Sabine Ackermann

Sonntagnachmittag zur Kaffeestunde - der Sommer ist zurück. Nur wenige Passanten bummeln durch die Zähringerstadt, dagegen ist auf dem schattigen Platz vor der Peterskirche richtig was los. Zahlreiche Gäste tummeln sich um ein Brautpaar, reden, lachen, haben Spaß. Ob die Feiernden ahnen, dass nur wenige hundert Meter entfernt Mitglieder des örtlichen Seniorenforums Menschen dazu einladen, für einige Zeit nicht alleine zu sein und gehört zu werden?

Was für ein Kontrast! „Ich habe Lust zuzuhören und Lust zu erzählen.“ Ein Signal, das man nicht einmal aussprechen musste - vorausgesetzt, man saß auf einem der zwei „Schwätz-Bänkle“. Streng genommen sind es die Bänke, die schon seit Jahren auf dem Weilheimer Bertoldsplatz zum Verweilen einladen. Neu dagegen waren die vier Schilder mit der einladenden Aufforderung: „Nehmen Sie hier Platz, wenn Sie schwätzen wollen“.

Der Hintergrund war der landesweite Aktionstag „Auf die Schwätz-Bänkle, fertig, los!“, mit dem der Landesseniorenrat Baden-Württemberg am 5. September ein Zeichen gegen die Einsamkeit setzen wollte. Ein niederschwelliges Angebot zur Kommunikation und Begegnung von Menschen jeglichen Alters, das unter anderem in England und nun auch in der Zähringerstadt erprobt wurde.

Etwa zehn bis zwölf Mitglieder sind im Seniorenforum Weilheim, die im Vorfeld auch für diese Aktion die Werbetrommel gerührt haben. Darunter sind Evi Haußmann und Ingeborg Mack, die sich den Dienst von 15 bis 17 Uhr teilen und bekräftigen: „Es geht darum, dass die Menschen aus der Corona-Lethargie gerissen werden.“ Auch wenn bei der Premiere noch Luft nach oben ist, sei die „Tendenz eher positiv“, finden beide. „Wollen Sie sich nicht ein bisschen hinsetzen und belanglos ins Gespräch kommen?“, wurden unschlüssige Passanten von ihnen angesprochen. Gerade am Gehen ist Lilli aus Weilheim, die agile Seniorin sei jetzt nicht gezielt zum Schwätz-Bänkle gekommen, sie verrät: „In der Eisdiele war kein Platz mehr, deswegen bin ich hier.“ Reden könne man doch über alles, „nur nicht über die Politik“, rät Evi Haußmann, die sich so ein Bänkle auch in Hepsisau vorstellen könnte. „Es gibt immer was zum Schwätzen, tagesaktuell“, findet Anita Hommel, die einen Plausch bereits vom wöchentlichen Bauernmarkt kennt, „nur, dort kann man sich nicht hinsetzen.“ Sie und ihre Nachbarin Chris­tel Scheich haben von der Aktion gewusst und sind aus Solidarität gerne hierher gekommen: „Es ist eine wunderbare Idee und wir hoffen, dass es gut angenommen wird.“

Mit gutem Beispiel voran ging außerdem Bürgermeister Johannes Züfle, der sich freiwillig für die „erste Schicht“ meldete. „Einsamkeit ist ein ernstes Thema“, so der Rathauschef, der bei der Sitzung des Seniorenforums dabei war. Sich zu trauen, sich dort hinzusetzen und zu reden, das gelang seinem ersten und einzigen Gesprächspartner mühelos in der ersten Stunde. Ob er „der Schwätzer“ sei, wollte der agile Rentner wissen. Weil er von dieser Aktion im Radio gehört habe und weil ihm die Stadt sehr gut gefalle, sei er mit dem E-Bike extra von Göppingen nach Weilheim gefahren. „Es war ein sehr nettes Gespräch, lange und ausführlich“, verrät Johannes Züfle und nennt „Fahrradfahren, historische Bausubstanz, Sauberkeit und Blumenschmuck in Weilheim“ als einige der Gesprächsthemen. Überrascht zeigte sich der Rentner, als sich sein Gegenüber später dann als Bürgermeister outete, und Selbiger freute sich aufrichtig darüber, dass jemand aus dem Nachbarkreis die Zähringerstadt Weilheim so wertschätzt.

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