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Eltern wollen reinere Luft

Corona Die wenigsten Klassenzimmer in Kirchheimer Schulen sind bisher mit Luftfiltern ausgestattet. Der Gesamtelternbeirat fordert mit Blick auf eine mögliche vierte Welle schnelles Handeln. Von Antje Dörr

Schloßgymnasium, Abi, Abitur, Corona
Schloßgymnasium, Abi, Abitur, Corona

In den sieben Klassenzimmern der Bissinger Grundschule ist die Luft rein. In der kleinen Gemeinde ist etwas gelungen, was in Städten wie Kirchheim mit ihrer großen Zahl an Schulen fast utopisch erscheint: Alle Unterrichtsräume inklusive Lehrerzimmer sind mit Luftfiltern ausgestattet, die Corona-Viren den Garaus machen sollen. Was aufgrund der niedrigen Infektionszahlen nicht so dringlich erscheint, wird schon bald wieder aktuell werden, sagt Michael Meyer-Hermann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, der in einem Gespräch mit „Zeit Online“ seine Hoffnung formuliert. „Wenn wir es schaffen, die Schulen während der Sommerferien in Bezug auf Belüftung und Filteranlagen so sicher zu machen, dass dort keine Ausbrüche entstehen, dann haben wir schon sehr viel gewonnen für die Zukunft“, sagte er.

Dass Luftfilter den großen Unterschied machen, davon sind längst nicht alle überzeugt. Eine gerade veröffentlichte Studie der Universität Stuttgart im Auftrag der Stadt Stuttgart rät vom flächendeckenden Einsatz mobiler Luftfilter ab. Der Kirchheimer Gesamtelternbeirat (GEB) ist dennoch davon überzeugt, dass sichere Klassenzimmer ohne Luftfilter nicht zu haben sind. „Es gibt viele Studien, die die Wirksamkeit der Luftfilter belegen, zum Beispiel die Untersuchung des Instituts für Strömungsmechanik und Aerodynamik der Universität der Bundeswehr München“, kontert Vorstandsmitglied Stefanie Rau.

„Kampf gegen Windmühlen“

Der GEB kämpft schon seit über einem Jahr darum, dass alle Klassenzimmer mit Luftfiltern ausgestattet werden, führt Gespräche mit der Stadt, mit Landtagsabgeordneten, dem Kultusministerium. Als „Kampf gegen Windmühlen“, hauptsächlich gegenüber dem Land, hatten Vorstandsmitglieder ihre Bemühungen kürzlich bezeichnet. Dass die Landesregierung nun reagiert hat und den Schulträgern 60 Millionen Euro für Luftfiltergeräte zur Verfügung stellt, wenn diese sich hälftig beteiligen, freut die Elternvertreterinnen. Allerdings hagelt es Kritik an den Details. „Leider gibt es unseres Wissens nach keine verpflichtende Vorgabe zum Kauf der Geräte gegenüber den Kommunen“, sagt Stefanie Rau. Wenn es, wie von Winfried Kretschmann angedeutet, nicht von den Luftfiltern abhänge, ob die Schulen im Herbst wieder schließen müssen oder nicht, fehle der Anreiz für die Kommunen, die Geräte zu kaufen. 

Bauchschmerzen bereitet dem GEB auch die Tatsache, dass die Förderung verstärkt auf die Klassenstufen 1 bis 6 ausgelegt ist. Für Jugendliche ab dem zwölften Lebensjahr gebe es zwar ein Impfangebot, aber bisher habe die Ständige Impfkommission (STIKO) keine generelle Empfehlung für Jugendliche von zwölf bis 17 Jahren herausgegeben. „Somit werden sich vermutlich wenige Jugendliche schon ab der siebten Klasse impfen lassen. Damit bleibt das Problem der Delta-Variante in den Klassenstufen sieben bis zwölf ungebremst bestehen“, kritisiert GEB-Vorstandsmitglied Claudia Gerlach-Reck.

Die Stadt Kirchheim hat im Oktober 2020 auf eigene Faust 16 Luftfiltergeräte beschafft. Sie wurden an jene Schulen verteilt, in denen es Unterrichtsräume gibt, die nicht oder nur schwer zu lüften sind. „Darüber hinaus gibt es weitere Luftfiltergeräte, die im Rahmen von Geld- und Sachspendenaktionen finanziert werden konnten, beispielsweise alleine vier Geräte für die Jesinger Lindachschule“, sagt Stadt-Sprecher Robert Berndt. Nach der Förderzusage des Landes, die der Stadt bisher nur aus den Medien bekannt ist, werde nun noch einmal abgefragt, wo bisher Luftfilter im Einsatz sind, welche schlecht belüftbaren Räume, die noch nicht ausgestattet sind, es gibt, wie die Schulleitungen den Bedarf einschätzen und wie zufrieden sie mit den bisher eingesetzten Geräten sind. „Dann werden wir dem Gemeinderat eine Kostenschätzung vorlegen“, sagt Robert Berndt. Außerdem werde geprüft, inwiefern im Rahmen der geplanten Schulsanierungen der Einbau von stationären Raumluftanlagen möglich sei, die vom Bund gefördert werden. „Wir orientieren uns damit an der Empfehlung, die Wissenschaftler der Universität Stuttgart im Rahmen einer Studie zum Infektionsrisiko in Klassenräumen geben: Diese sprechen sich gegen einen flächendeckenden Einsatz von Luftreinigungsgeräten aus, empfehlen ihn aber in Räumen, die schlecht belüftbar sind als kurzfristige, unterstützende Maßnahme.“

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