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Es braucht weitere Experten

Zum Artikel „Stehen unter Beobachtung“ vom 29. April

Alte Menschen sind aufgrund ihres Alters wie auch ihres Gesundheitszustandes verletzbar und gefährdet und bedürfen daher der besonderen Fürsorge, medizinisch, noch mehr aber psychosozial. Für wen diese Menschen ein Risiko darstellen, ist rational nicht nachvollziehbar - sie deshalb in eine Art von Schutzhaft zu nehmen, erst recht nicht. Diese Aussperrung aus einer sozial tragenden Mitwelt, sowohl nach innen wie nach außen, ist entwertend und entwürdigend. Ähnliches gilt für in Heimen lebende Behinderte, die ihre Werkstätten nicht mehr aufsuchen können und ihre Aussperrung beziehungsweise Rückweisung eher als Ausschluss aufgrund ihrer Behinderung erleben. Dass zumindest die Schließung der Kitas und ähnlicher Einrichtungen hinterfragt wird, die den Kleinsten ihre Zeitgenossen als wesentlichsten Entwicklungsimpuls entzogen hat, erscheint zumindest als Lichtblick in all den sozialbezogenen Vergesslichkeiten dieser „Krise“, deren psychosoziale Folgen uns in der Zukunft sicherlich noch sehr beschäftigen werden.

In all den Entscheidungsgremien von laienmedizinischen Politikern und virologischen Experten sucht man Pädagogen, Psychotherapeuten, Erzieher und Pflegende vergebens. Deren menschenorientiertes Wissen war wohl zu keinem Zeitpunkt primär gefragt. Zugleich gibt diese „Krise“ zu erkennen, wie sehr dieses Medizinsystem einer kontraproduktiven ökonomischen Maximierungslogik unterworfen wurde, mit der finanziellen Rendite als Ziel. Die gesellschaftliche Illusion der Unverwundbarkeit hat uns das menschenorientierte Maß aus den Augen verlieren lassen. Der Augenblick zeigt uns unsere Verwundbarkeit. Der Wert jedes einzelnen Menschen steht über einer ökonomisierten Bewertung. Die aktuelle Krisensituation schreit nach einer durchgreifenden Reformierung unseres Gesundheitssystems, dessen höchste Sinnhaftigkeit in einer nicht pathogenetischen, sondern salutogenetischen Daseinsfürsorge besteht. Möge dieses „corona-induzierte Geschenk“ in seiner Bedeutsamkeit verstanden und angenommen werden!

Dr. Matthias Komp, Kirchheim

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