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Exklusive Bohnen für inklusiven Kaffee

Start-up Der Holzmadener Chris Weil lässt in Werkstätten für Menschen mit Behinderungen Kaffee rösten. Seine Motivation ist nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch persönlicher Natur. Von Thomas Zapp

Chris Weil (rechts) genießt mit seinem Geschäftspartner Michael Halbritter eine gute Tasse Kaffee. Die Röstung findet in Werkstä
Chris Weil (rechts) genießt mit seinem Geschäftspartner Michael Halbritter eine gute Tasse Kaffee. Die Röstung findet in Werkstätten für Menschen mit Behinderungen statt. Fotos: pr

Wenn Mitarbeiter Timo sagt, dass der Adventskalender mit Kaffee-Säckchen das „Geilste ist, was er je gemacht hat“, glaubt ihm das Chris Weil aufs Wort. Timo hat wie alle Menschen, die für sein Unternehmen „Barista Royal“ arbeiten, eine Behinderung, in seinem Fall eine mentale Entwicklungsverzögerung. Timos Begeisterung ist echt und das wiederum begeistert seine Chefs. Schließlich haben der gebürtige Holzmadener Chris Weil und der Franke Michael Halbritter „Barista Royal“ nicht nur gegründet, um hochwertigen Kaffee herzustellen. Das machen mittlerweile eine ganze Menge Unternehmen. Das Besondere an ihrem Start-up: Sämtliche Schritte von der Röstung der Kaffeebohne über das Abpacken und das Etikettieren finden in Werkstätten für Menschen mit Behinderungen statt. Die Prozesse an diesen Arbeitsplätzen sind so abgestimmt, dass zum Beispiel auch Menschen mit einer Lähmung die Arbeit verrichten können.

Die Motivation dafür, fast seine gesamte Freizeit in die Idee zu stecken, kommt nicht nur vom unternehmerischen Ehrgeiz. Chris Weil hat auch einen sehr persönlichen Antrieb dafür. Seine 39-jährige Schwester Kathrin ist aufgrund eines Sauerstoffmangels bei der Geburt mit einer halbseitigen Lähmung auf die Welt gekommen. Durch sie ist er schon als Kind mit dem Thema Behinderung konfrontiert gewesen. „Meine Eltern haben sich schon bald nach der Geburt meiner Schwester als Mitglied der Kirchheimer Lebenshilfe angeschlossen. Schon als Teenager habe ich oft mit ihnen ehrenamtlich im ,Café Paradiesle‘ der Lebenshilfe gearbeitet“, erzählt er.

Und genau daran erinnerte er sich vor zwei Jahren wieder, als er mit seinem Arbeitskollegen Michael Halbritter über eigene Geschäftsideen nachdachte. Man kam auf das Thema Kaffee, weil Chris Weil ein „absoluter Koffein-Enthusiast“ ist und von seinen Reisen immer besondere Kaffeesorten mitbringt. Allerdings waren sich beide einig, dass der Markt gesättigt und ein Eintritt für Newcomer schwierig ist. „Aber als Michael meine Geschichte hörte, sagte er sofort: Das ist es: Edler Kaffee, der Menschen mit Behinderungen einen tollen Arbeitsplatz bietet“, erzählt Chris Weil. Gesagt, getan: Die beiden suchten Werkstätten für Menschen mit Behinderungen auf, die entsprechende Ausrüstung hatten und nahmen dort Teströs- tungen vor. „Wir haben schnell gemerkt: das geht“, erzählt er. Der Großteil der Maschinen war in den Werkstätten bereits vorhanden. Durch die Kooperation mit „Barista Royal“ konnten sie zudem schnell neue anschaffen und die Produktion erweitern.

Ende 2019 waren sie soweit, ihren Kaffee auf den Markt zu bringen. Mittlerweile arbeiten sie im ganzen Bundesgebiet mit Werkstätten zusammen, eine davon liegt sogar in der Nähe seiner alten Heimat auf der Schwäbischen Alb. „Es macht Sinn, mit mehreren Werkstätten zu arbeiten“, sagt Chris Weil. Denn die Produktion ist auch mal schwankend, und es darf hin und wieder Pausen außer der Reihe geben.

Der Firmensitz ist in München. Dort wohnt Chris Weil mit seiner Familie und arbeitet im Hauptberuf als Informatiker bei einem großen Online-Versandhändler. Er weiß, wie man die Internetpräsenz seines Start-ups optimiert und im Netz gefunden wird. Bei dem persönlichen Kontakt hilft ihm Vater Roland. Der hat als Prokurist für eine Etikettenfirma gearbeitet, ist nun im Ruhestand und widmet sich für seinen Filius dem Nahrungsmittel-Einzelhandel. Dank ihm steht zum Beispiel in einem Edeka-Markt in Weilheim ein 1,90 Meter großes Holz-Display, wie es im Fachjargon heißt.

Bei allen Erfolgen genießen der Holzmadener und sein Partner den Luxus, nicht den Druck zu spüren, ihre Familien von dem Geschäft ernähren zu müssen. „Aber wenn sich die Zahlen so weiterentwickeln, ist das durchaus möglich“, sagt der 33-Jährige. Was ihm an dem Geschäft gefällt, ist die langfristige Bindung an den Kunden. „Wir bauen zu einigen fast eine persönliche Beziehung auf. Kaffee kauft man ja immer wieder, das ist kein Schmuckstück, das man sich im Normalfall nur ein, zwei Mal im Leben kauft.“

Die Kombination aus hochwertigem Kaffee und Inklusion ist für Chris Weil das perfekte Business, mit dem er auch Zeichen für mehr Ausbildungs- und Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderungen setzen möchte. Die Krönung seines persönlichen Traums wäre es, seiner Schwester eine Vollzeitbeschäftigung zu verschaffen. Heute lebt sie in Ravensburg in einer besonderen Einrichtung, hat einen Freund und fühlt sich dort wohl. „Sie war die Erste, die ein T-Shirt mit unserem Logo bekommen hat und verteilt fleißig Flyer für uns. Sie findet das Projekt super“, sagt Chris Weil. Um ihr dauerhaft eine Beschäftigung zu garantieren, braucht er noch Kooperationspartner mit einer Werkstatt in Ravensburg. Gelingt das, würde es das Kaffee-Geschäft für den Bohnen-Begeisterten vollständig abrunden.

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