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Fasziniert vom Stillstand der Zeit

Leidenschaft Benjamin Seyfang hält den Verfall fest und fotografiert verlassene Orte. „Lost places in der Region Stuttgart“ heißt sein neuestes Werk. Von Irene Strifler

Benjamin Seyfang (ganz links) hat ein neues Buch herausgebracht, in dem man gerne schmökert. Es zeigt unter anderem einen längst
Benjamin Seyfang (ganz links) hat ein neues Buch herausgebracht, in dem man gerne schmökert. Es zeigt unter anderem einen längst verlassenen Pool in Kirchheim, in dem nur noch Pflanzen baden, einen verwaisten Billardtisch in Lenningen, ein Bügeleisen, an dem sich schon lange niemand mehr die Finger verbrannt hat, und ­einen bejahrten Filmprojektor aus dem ehemaligen Weilheimer Kino.Fotos: Benjamin Seyfang und Jean-Luc Jacques (1)

Das letzte Spiel. So lautet der Titel eines Fotos, das im Lenninger Tal entstanden ist. Ein wenig Schaudern schwingt mit, wenn man das Bild anschaut, auf dem ein würdevoller Billardtisch samt Queue im Mittelpunkt steht, ganz so, als käme der Spieler gleich zurück. Doch das Umfeld ist heruntergekommen: Der zerschlissene Teppich und die Tapetenreste rundum machen klar, dass das letzte Spiel an diesem Tisch eben doch schon sehr lang zurückliegen muss.

Szenen wie diese sind es, die Benjamin Seyfang berühren. Lost places, also vergessene und leerstehende Gebäude und Einrichtungen, sind seine Leidenschaft. Er hält die Szenen fotografisch fest, wird dabei selbst von ihnen gefesselt. Das beweisen allein schon seine Bildunterschriften in seinem neuesten Werk „Lost places in der Region Stuttgart“, das den Untertitel trägt „Die Faszination verlassener Orte“.

Eine ganze Reihe davon hat Seyfang in Kirchheim und Umgebung gefunden. Dass er vor allem rund um die Teck fündig wird, liegt schlichtweg daran, dass er sich hier bestens auskennt. Geboren wurde er vor 33 Jahren in Esslingen, die Grundschule hat er in Kirchheim besucht, und den Rest seiner Kindheit verlebte er in Weilheim. Seine Brötchen verdient er heute als Abwassermeis­ter in Metzingen, also auch nur einen Steinwurf entfernt.

Für sein aktuelles Hobby profitiert Benjamin Seyfang vor allem noch von seiner Zeit als Zivi im Kirchheimer Mehrgenerationenhaus Linde. Damals bot er zahlreiche Graffity-Workshops für Jugendliche an und machte sich als Graffity-Künstler einen Namen. „Ich habe damals immer nach Flächen gesucht, die wir bunt machen durften, und bin dabei auf viele Gebäude gestoßen, die auf den Abriss gewartet haben“, berichtet er.

Verlassene Orte, die das Foto­grafieren wert sind, gibt es eigentlich überall. „Man muss sie nur entdecken“, meint der Künstler verschmitzt. Wo genau seine Motive zu finden sind, darüber kann der Betrachter nur spekulieren. Ob der verlassene blaue Swimmingpool, dessen letzte Party lang zurückliegt, vielleicht auf dem Würstlesberg sein Dornröschendasein fristet, das bleibt ebenso im Dunkeln wie die Frage nach dem Ort des Arbeitszimmers im 50er-Jahre-Style, bei dem sich die Decke bedenklich löst. Das ist so gewollt. Urban Explorer, wie sich Menschen wie Benjamin Seyfang nennen, entdecken verwunschene Orte in Archäologenmanier - aber sie erzählen niemals von den genauen Standorten. Nur so kann verhindert werden, dass die vergessenen Orte überrannt, geplündert und zerstört werden. „Nimm nichts mit als Deine Fotografien, und hinterlasse nichts als Deine Fußspuren“, gibt der 32-Jährige die wichtigste Regel unter den Urban Explorern wieder.

Ungefährlich ist diese Art des Fotografierens ganz und gar nicht. Manchmal steigen die Fotografen einfach über Zäune oder Hecken, wenn sie ein leerstehendes Gebäude entdecken, denn oft sind die Eigentümer nicht zu ermitteln. Sie bewegen sich damit hart an der Grenze zum Hausfriedensbruch. Auch der Weilheimer stand einmal urplötzlich dem Besitzer eines verwaisten und heruntergekommenen Hauses gegenüber. Zum Glück begnügte sich der damit, dass umgehend alle Bilder gelöscht wurden. Benjamin Seyfang würde keinesfalls Gewalt anwenden, um mit der Kamera ein Objekt seiner Begierde zu erreichen. Er distanziert sich ganz bewusst von rücksichtslosen „Kollegen“, deren Zahl in Corona-Zeiten drastisch gestiegen ist.

Nicht zu vergessen sind bei diesem Hobby auch ganz reale Gefahren. Zum Beispiel Glasdächer in stillgelegten Gärtnereien, die plötzlich einstürzen und eine tödliche Gefahr darstellen können. Doch schon ein rostiger Nagel kann schlimme Wunden reißen. „Ich habe immer ein Erste-Hilfe-Set dabei“, berichtet Benjamin Seyfang, der schon viel erlebt hat auf seinen Fotoexkursionen und dazu rät, lieber zu zweit oder zu dritt loszuziehen. „Kein Bild ist es wert, dass man dafür sein Leben riskiert“, meint der 33-Jährige abgeklärt. - Eine Weisheit, an die er sich selbst wohl nicht immer hält, denn gern zieht er allein los. Zu überzeugend ist das Gefühl der Entschleunigung, das sich im Alleingang an den verwunschenen Orten viel schneller und zuverlässiger einstellt. Atmosphäre und Stimmung entfalten ihre Wirkung. - Das spürt auch der Betrachter der Fotografien, deren Poesie zum Träumen einlädt.

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