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Fotovoltaik mit Modellcharakter

Ökostrom Eine Projektgesellschaft plant eine Anlage am Wall der Schnellbahntrasse bei Aichelberg. Das muss aber noch geprüft werden. Der Gemeinderat begrüßt die Idee, wünscht sich aber auch Erträge. Von Jürgen Schäfer

Die neue Schnellbahntrasse bei Aichelberg, links der Wall, der hinunter zum Seebachtal führt. Eine Projektgesellschaft kann sich
Die neue Schnellbahntrasse bei Aichelberg, links der Wall, der hinunter zum Seebachtal führt. Eine Projektgesellschaft kann sich dort eine große Freiflächen-Fotovoltaikanlage vorstellen. Foto: Giacinto Carlucci

Große Pläne gibt es an der künftigen ICE-Trasse bei Aichelberg: Am südlichen Lärmschutzwall soll eine Freiflächen-Fotovoltaikanlage mit 750 Kilowatt entstehen. Und es könnten noch zwei weitere Anlagen in derselben Größe folgen. Diese Pläne wurden dem Gemeinderat Aichelberg als Markungsherr ausführlich vorgestellt. Das Gremium müsste dies mit einem Bebauungsplan möglich machen. Es steht dem Projekt wohlwollend gegenüber. Allerdings wünscht sich der Gemeinderat schon, dass die Ökostrom-Ernte der Gemeinde auch Geld bringt. Das können die Planer aber noch nicht sagen.

Es sind ganz neue Perspektiven für die Landschaft südlich von Aichelberg, die sich durch den Bau der ICE-Trasse komplett verändert hat. Früher gab es hinter dem Autobahndamm eine flach geneigte Landschaft Richtung Weilheim, jetzt verläuft dort der doppelte Schienenstrang zum Boßlertunnel, und dahinter türmt sich ein zweiter Damm auf, der die Bahn nach Süden abschirmt. Dahinter schlängelt sich der Seebach durch die Wiesen. In dieser Südlage will die WEBW, ein gemeinsames Unternehmen der Landsiedlung Baden-Württemberg und der KWA Contracting AG, Freiflächenvol­taik platzieren.

Der Standort sei optimal, erklärte Markus Schnabel, Prokurist der Landsiedlung. Die Anlage würde keine landwirtschaftlichen Flächen entziehen, denn man würde sie am Lärmschutzwall aufstellen. Das sei auch sonst eine Perspektive an Autobahnen und Schienenwegen, sagt Schnabel. Es gebe in Deutschland sehr wenige Lärmschutzwälle mit Fotovol­taik. Das sei schade, weil sie selten für anderweitige Nutzung geeignet seien.

Es sei auch eine umweltverträgliche Anlage, so Schnabel. „Keine Flächenversiegelung, außer der Unterkonstruktion.“ Die nehme nur einen winzigen Teil des Bodens in Anspruch. Der Naturausgleich erfolge in der Regel vor Ort. Mit dem Artenschutz und Landschaftsbild hätte man keine Probleme. Und: „Es ist keine Belas­tung für die Gemeinde.“

Das soll auch der heimischen Wirtschaft zugute kommen. Gerne nehme man lokale Handwerksbetriebe, um die Fotovoltaik aufzustellen, und dann auch etwa einen Landwirt, der das Gelände mähe. Wildpflanzen könne man ansiedeln, man brauche keine Düngung und Kleinsäuger könnten sich durch die Fotovoltaiklandschaft bewegen. Und noch ein weiter Blick in die Zukunft: Die Anlage würde 25 bis 30 Jahre laufen, dann käme eine neue. Sie würde im Vollausbau einen gewaltigen Gürtel bilden: vom Tunnelportal am Boßler bis zum Autobahnparkplatz.

Das wären dann drei Mal 750 Kilowatt Maximum, und in der Summe noch ein bisschen mehr, alle drei Flächen brächten 3,5 Millionen Kilowattstunden. Damit wären statistisch 875 Haushalte mit vier Personen versorgt. Das ist locker mehr, als der Ort Aichelberg mit 1350 Personen verbraucht.

Das Land ist mit im Spiel, es steht hinter der Landsiedlung und der WEBW, und so erklärt sich, dass die WEBW mit der Bahn eine Vereinbarung schließen konnte, eine erste Anlage zu planen. Mehr noch: Es hätte einen gewissen Modellcharakter, sagt Schnabel, es wäre eine Absichtsklärung für den Südwesten insgesamt. Es wäre auch ein Modellprojekt für die Bahn.

Nur: Fürs Erste geht es um ein Drittel der möglichen Fläche, sagt Schnabel. Über Weiteres sei noch nicht gesprochen. Loslegen würde die WEBW allerdings jetzt nicht, auch wenn sie es könnte. Denn: Derzeit sei eine solche Anlage nicht rentabel. WEBW-Geschäftsführer Nicolai Licata: „Das ist wirtschaftlich äußerst schwierig.“ Es gebe noch keine Erkenntnisse, ob so eine Anlage technisch und wirtschaftlich überhaupt möglich sei. Aber: Man erlebe, dass es bei der Fotovoltaik erhebliche Bewegung bei den Baukosten gebe. „Wir denken: In zwei bis drei Jahren wird sich das darstellen.“ Man werde ja auch sehr viel Strom benötigen, so Licata. Die Bahn sei auch interessiert an erneuerbarem Strom.

Im Gemeinderat kam das gut an. Man lobte prinzipiell die Idee, erneuerbare Anlagen zu bauen und Schafe drunter weiden zu lassen. Aber: Strom nur für die Bahn - das hätte dann doch ein Gschmäckle. Schön fänden es die Gemeindvertreter zudem, wenn Gewerbesteuer oder Strom für die Gemeinde herausspränge und vielleicht ein Ausgleich für die früheren Grundeigentümer. Dazu Schnabel: „Monetäre Aussagen sind ganz schwierig.“ Was den Gemeindevertretern noch Kopfzerbrechen bereitete, ist die Standfestigkeit des Solarparks bei starkem Regen. Schnabel: „Das müssen wir klären“, man sei noch ganz am Anfang.

Der Aichelberger Gemeinderat gab einstimmig grünes Licht, das Projekt weiterzuverfolgen. Die Planer schätzen die Entwicklungszeit „ab heute“ auf 18 bis 24 Monate.

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