Unzugeordnete Artikel

Friseur ist nicht mehr gleich Friseur

Berufswahl Jugendliche schauen während des „Betriebs-Ferien-Programms“ hinter die Kulissen – so auch bei Friseur Staib in Reichenbach. Von Thomas Krytzner

Frohen Mutes frisch ans Mischwerk: Statt lange der Theorie zu lauschen, dürfen Teilnehmer der Aktion BetriebsFerien gleich selbs
Frohen Mutes frisch ans Mischwerk: Statt lange der Theorie zu lauschen, dürfen Teilnehmer der Aktion BetriebsFerien gleich selbst Hand anlegen. So auch bei Friseur Staib.

Augen auf bei der Berufswahl - hinter diesem Spruch steckt viel Wahres. Um Schülern Einblick in verschiedene Berufe zu gewähren, stellt die Wirtschaftsförderung im Landkreis Esslingen bereits zum 17. Mal ein breites Spektrum an Berufen aus Handwerk, Industrie, Dienstleistung und Verwaltung zusammen.

Dazu gehört auch das Handwerk des Friseurs, obwohl: „Viel mehr sind wir Stylisten und Beautyberater“, betont Peter Staib, der seit 40 Jahren Friseur mit Leib und Seele in Reichenbach ist. Der Betrieb mit heute 37 Angestellten besteht seit 70 Jahren. Kein Wunder also, dass der Friseurmeister den Wandel der Zeit hautnah mitbekommen hat. „Der Friseur ist nicht mehr einfach nur Friseur“, stellt Peter Staib fest, „wer in diesem Handwerk arbeiten will, muss heutzutage auf Menschen eingehen können und Einfühlsamkeit an den Tag legen.“ Rein - Waschen, Legen, Schneiden - raus, das war früher. „Die Kunden sollen den Friseur nach dem Besuch nicht nur mit einem zufriedenen Lächeln verlassen, wir wollen den Gang zum Friseur zum Erlebnis werden lassen“, hofft Staib.

Ein Anreiz für junge Menschen? Peter Staib ist etwas erstaunt, dass das Angebot am „Betriebs-Ferien-Programm“ nur auf wenig Interesse unter den Schüler gestoßen ist. Gerade mal zwei Schülerinnen meldeten sich an - erschienen ist eine. Trotz der ernüchternden Momentaufnahme ist der Friseurmeister zuversichtlich: „Mangel an Azubis haben wir nicht. Ab September fangen fünf neue Lehrlinge im Betrieb an. Diese sind jetzt schon auf einem Vorbereitungsseminar in Stuttgart.“ Dort erhalten angehende Auszubildende das erste Wissen über Ethik und Kundenumgang und kommen mit den Basics im Friseurhandwerk in Berührung.

Friseure braucht man immer

Hautnahe Berührung mit dem Friseurhandwerk gab‘s denn auch bei der Betriebsbesichtigung. Friseurin Lisa Marie Frost, die selbst im Jahr 2017 am „Betriebs-Ferien-Programm“ teilgenommen hatte und dadurch auf den Geschmack kam, zeigte den Friseurbetrieb im „Haus der Sinne“. Schon der Eingangsbereich im Erdgeschoss macht deutlich, dass man sich vom herkömmlichen Klischee abgrenzt. „Der Friseursalon ist heute keine örtliche Informationszentrale mehr“, erklärt Peter Staib, „wir haben jeden Tag über 100 Kunden aus ganz Baden-Württemberg.“ Wenn er zu Kamm und Schere greift, ist es an seinem Arbeitsplatz meist still. „Ich kann mich entweder aufs Schneiden oder aufs Reden konzentrieren“, sagt der Friseurmeister augenzwinkernd.

Da hat Lisa Marie Frost mehr zu erzählen, wenn sie interessierten Schülern das Friseurhandwerk erklärt. „Es kann auch mal stressige Situationen geben. Von daher sollten angehende Friseure belastbar sein.“ Viel Lob hat die frischgebackene Friseurin für den Teamgeist im Betrieb: „Wir sind wie eine Familie und unternehmen auch viel gemeinsam in der Freizeit.“ Sie sei stolz, Friseurin zu sein. „Das ist ja nicht nur ein bisschen Haare schneiden“, gibt sie zu verstehen. „Die Wahrnehmung des Menschen als Ganzes ist wichtig“, ergänzt Inhaber Peter Staib.

Die dicken Kataloge mit Frisuren gehören ebenfalls der Vergangenheit an: „Unsere Friseure beraten per IPad oder Handy.“ Peter Staib hält nichts davon, im Akkord Frisuren zu schneiden. „Früher dauerte der Besuch beim Friseur durchschnittlich zweieinhalb Stunden, heute können es bis zu vier Stunden Aufenthalt werden.“

Den wegfallenden Zeitdruck spürt man auch bei Friseurin Lisa Marie Frost. Sie nimmt sich Zeit für die Teilnehmerin der Besichtigung und gibt weitere Tipps für die Berufswahl, bevor es ans Eingemachte geht. Im praktischen Teil erklärt die Friseurin, wie sensibel die Farbzusammenstellung beim Färben von Strähnen ist. Am sogenannten MoKo (Modellkopf) mit echten Haaren demonstriert sie, wie man Strähnen auswählt und der Rest der Haarpracht vor der Farbe geschützt wird. Dies darf die Teilnehmerin am Besuchsprogramm dann auch gleich selbst ausprobieren und beweist handwerkliches Geschick. Lisa Marie Frost macht die Ausbildung zum Friseur schmackhaft: „Wer die dreijährige Ausbildung erfolgreich beendet, hat die Möglichkeit, für drei Monate in London bei einem namhaften Haarstylisten zu arbeiten.“ London deshalb, weil die Millionenstadt das Frisurenmekka ist, wie Peter Staib ergänzt. Er empfiehlt die Ausbildung zum Friseur: „Das Erfolgserlebnis kommt sofort.“

Friseurin Lisa Marie Frost (oben rechts) erklärt einer Teilnehmerin des „BetriebsFerien-Programms“ des Lankreises an einem Model
Friseurin Lisa Marie Frost (oben rechts) erklärt einer Teilnehmerin des „BetriebsFerien-Programms“ des Lankreises an einem Modellkopf die wichtigsten Kniffe und Griffe beim Strähnenfärben. Doch zuvor muss die richtige Farbmischung hergestellt werden. Statt lange der Theorie zu lauschen, darf die Teilnehmerin im „Haus der Sinne“ von Friseur Staib in Reichenbach gleich selbst Hand anlegen und ihr handwerliches Geschick unter Beweis stellen.Fotos: Tomas Krytzner
Anzeige