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Führerschein für Wuffi findet Zustimmung

Tiere Hundehalter sollen nach Plänen der Landesregierung künftig Sachkenntnis vorweisen können. Expertinnen aus Kirchheimer Hundevereinen sind dafür. Von Helga Single

Der Australian Shepherd von Anette Neun zeigt, was er sportlich drauf hat. Fotos: Helga Single
Der Australian Shepherd von Anette Neun zeigt, was er sportlich drauf hat. Fotos: Helga Single

Kommt der Hundeführerschein für alle Hundehalter auch in Baden-Würt­temberg? Nach dem Willen der Landesregierung sollen Hundehalter im Südwesten künftig eine Befähigung nachweisen, dass sie ihren Vierbeiner unter Kontrolle haben. Andere Bundesländer sind schon weiter: In Niedersachsen ist die Anschaffung eines Hundes seit 2013 an den Erwerb eines Sachkundenachweises gebunden. Hundehalter müssen sich erst mit den Bedürfnissen ihrer Hunde vertraut machen, damit es keine unliebsamen Überraschungen gibt.

Die Zahl der Hundebesitzer ist nach einer Erhebung des VDH, dem Verband für das deutsche Hundewesen, im Jahr 2017 mit zehn Millionen bundesweit beträchtlich. Allein in Baden-Würt­temberg leben mehr als eine Million Hunde in den Haushalten. Besonders in der Krisenzeit von Corona ist die Zahl der verkauften Tiere in die Höhe geschnellt und der Preis für die Vierbeiner „durch die Decke“ gegangen. Das berichten Anette Neun, seit 2014 Hundetrainerin beim Verein Hundesport Kirchheim, sowie Renate Kruck, ebenfalls Trainerin und Bobtailzüchterin.

In dem Traditionsverein, der 1909 gegründet wurde und der älteste Hundesportverein in Kirchheim und Umland ist, lernt Mensch und Hund vom Welpen-Junghundekurs bis zur Begleithundeprüfung alles, was zu einem entspannten Alltag gehört. Die positive Verstärkung mit Leckerlis, Spiel und Spaß und sehr viel Konsequenz ist Erziehungsprogramm. Falsche Erziehung und Unkenntnis des Hundehalters brächten große Probleme mit sich. Schon bald stoßen Mensch und Tier an ihre Grenzen, wenn sich die niedliche Knuddelschnautze als großer Kläffer entpuppt oder festgestellt wird, dass die Drei- Zimmer- Wohnung für den Bernhardiner zu klein ist. Der Alltag gerät zur Überforderung, weil der Mensch die Bedürfnisse des Hundes nicht erkennt und erfüllt. „Der Border Collie oder Dalmatiner dreht ohne viel Bewegung in der Wohnung durch“, sagt Anette Neun.

In Zeiten von Digitalisierung, Urbanisierung und Demographischen Wandel leisten die Vierbeiner wertvolle Arbeit als Heiler, Helfer, Sozialpartner und Co- Pädagogen. Ihr positiver Einfluss hilft Kosten im Gesundheitswesen einzusparen und ist mit rund fünf Milliarden Euro Umsatz jährlich und rund 100 000 Arbeitsplätzen ein großer Wirtschaftsfaktor.

Nicht selten unterstreicht das Tier die Weltsicht und den Lebensstil ihrer Besitzer und hebt den aktiven, sozial- und kulturell engagierten Lebensstil hervor. Ehe sich der Vierbeiner versieht, gerät er zum Statussymbol und wird seines rassetypischen Verhaltens beraubt. Seine Eigenschaften als Wach- und Hütehund, als Jagd- und Gesellschaftshund, die ihm vom Menschen angezüchtet wurden, werden missachtet und das Ende vom Lied, ist die Abschiebung ins Tierheim, wo die Tiere nicht selten ein trauriges Dasein fristen. Der „Hundeführerschein“ könnte nun bewirken, dass sich Hundehalter vorher fragen müssen, welche Rasse zu ihren Lebens­umständen passt und ob sie den Bedürfnissen des Tieres in der Haltung gerecht werden können.

Im Kirchheimer Hundesportverein stößt der Sachkundenachweis auf durchweg positives Echo. Das halte von manchem Spontankauf ab und verhindere, dass Tiere als Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenk gekauft würden. So manche Beißattacken der Vierbeiner gingen auf das Konto der Halter, die nichts über Kommunikation, Sozialverhalten und Haltung und Pflege im Allgemeinen wüssten, denn die Gefährlichkeit eines Hundes liege nicht an der Rasse. Der Hund mit einer geringeren Reizschwelle brauche mehr Zuwendung, Aufmerksamkeit und nehme mehr Zeit in Anspruch.

Charakter im Vorfeld checken

„Manche Hunde, wie beispielsweise der Samojede oder auch der „Modehund“ Französische Bulldogge, sind sturer und brauchen viele Wiederholungen ehe etwas sitzt“, sagt Anette Neun. Durch den Hundeführerschein werde das gleich im Vorfeld klar. Dennoch werde ein Graubereich, durch Hundekäufe im Ausland oder der Kauf „aus irgendeinem Wurf“ dadurch nicht verhindert, glaubt man im Verein. Manche Hunde sind nicht registriert, und ihre Halter machten auch keinen Führerschein. Das falle erst wieder durch einen Vorfall auf.

Wie verfährt man dann mit ihren Herrchen und Frauchen? „Sicherlich gibt es auch einige Besitzer, die zwar den Führerschein korrekt erworben hätten, aber nichts umsetzten. Dann ist alles wie gehabt“, glaubt Anette Neun. Auf jeden Fall sei der Hunde­sportverein personell gut aufgestellt und habe die nötige Ausrüstung, um den Sachkundenachweis anbieten zu können. Über die genaue Handhabung sei aktuell aber noch nichts Genaues bekannt. Noch heißt die Devise für Hundehalter: Abwarten.

Bobtail „Oskar“ trainiert mit Frauchen Helena Hartmann.
Bobtail „Oskar“ trainiert mit Frauchen Helena Hartmann.
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