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Für die Zuschauer das Beste geben

Künstlerporträt Anna Matyuschenko singt an der Stuttgarter Staatsoper. Ihr machen die Einschränkungen durch die Pandemie schwer zu schaffen. Von Rainer Kellmayer

Anna Matyuschenko liebt es, auf der Bühne zu stehen. Allerdings ist sie auch begeisterte Pädagogin und weckt an der Musikschule
Anna Matyuschenko liebt es, auf der Bühne zu stehen. Allerdings ist sie auch begeisterte Pädagogin und weckt an der Musikschule in Plochingen bei jungen Menschen die Liebe zur Musik.Foto: Rainer Kellmayer

Eine Oper ohne Chor ist wie eine Suppe ohne Salz: Mit ihren Kolleginnen und Kollegen vom Stuttgarter Staatsopernchor gibt die aus der Ukraine stammende Anna Matyuschenko den Bühnenwerken die nötige Würze. Doch derzeit ist alles anders. Während die Sopranis- tin in normalen Zeiten fast täglich auf der Bühne steht, war lange Zeit Kurzarbeit angesagt. „Ich bin froh, dass die Vorstellungen im Opernhaus jetzt langsam wieder anlaufen. Zudem proben wir in kleinen Gruppen für die nächste Saison“, erzählt die sympathische Sängerin. Spaß mache das alles jedoch nicht. Strengste Regeln sind zu beachten wie regelmäßige Tests, Maskenpflicht und bis zu sechs Metern Abstand zwischen den Akteuren. Die Bühne sei zwar groß - trotzdem sind szenische Proben kaum möglich. „Zudem sind der Frust und die Verunsicherung unter den Kollegen groß“, berichtet Matyuschenko.

Zu Jahresbeginn hatte es einen Hoffnungsschimmer gegeben: Eine szenische Aufführung von Johann Sebastian Bachs Oratorium „Johannespassion“ ging in die Vorbereitung. „Wir waren alle sehr erleichtert und haben uns riesig gefreut.“ Doch mitten in die Produktion platzten härtere Corona-Maßnahmen und die Produktion wurde verschoben.

Die widrigen Umstände machen Anna Matyuschenko schwer zu schaffen. Sie ist Sängerin aus Leidenschaft, die es liebt, auf der Bühne zu stehen. Sie denkt sich in die Inszenierungen hinein und möchte für die Zuschauer immer das Beste geben. „Mit modernen Produktionen habe ich jedoch manchmal meine Probleme“, sagt die Künstlerin. Dafür entschädige die Arbeit mit profilierten Regisseuren, die den Chor als wichtigen Part in die Inszenierung einbinden.

Besonders gerne denkt Matyuschenko an die Zusammenarbeit mit Axel Ranisch zurück, der vor drei Jahren im Stuttgarter Opernhaus Sergej Prokofjews Oper „Die Liebe zu den drei Orangen“ auf die Bühne gebracht hat: „Wir haben damals viel experimentiert - auch die Chorsänger durften Ideen einbringen.“ Herausgekommen sei dabei eine Inszenierung, die das Märchen um den Prinzen, der nicht lachen konnte, zu einem modernen Opernspaß gemacht habe.

Der Beruf fordert Disziplin

Doch die Freude an der Arbeit und der Erfolg setzen auch eine gehörige Portion Disziplin voraus. Dies beginne zu Hause mit der Vorbereitung der Partien, setze sich in den Proben fort, und ende längst nicht im Vorfeld der Abendvorstellungen, bei denen von den Choristen in puncto Kostüme und Schminken eine gewisse Selbstständigkeit verlangt werde.

Verantwortung zu übernehmen ist Anna Matyuschenko gewohnt. Besonders gefordert war sie nach der Übersiedlung ihrer Familie nach Deutschland im Jahr 1990. Zuvor hatte sie an der Musikhochschule in Charkow, der zweitgrößten Stadt der Ukraine, Volksgesang und Volksdirigieren studiert. „Ich sprach damals kein Wort Deutsch und hatte zunächst Mühe, mich in der neuen Situation zurechtzufinden“, erzählt die Sängerin, die inzwischen die deutsche Sprache nahezu perfekt beherrscht. In dieser schwierigen Phase habe ihr ein glücklicher Zufall geholfen: Im Aufnahmelager in Weinheim erkannte ein Sozialarbeiter die Qualität ihrer Stimme und stellte den Kontakt zu einer Gesangslehrerin in Mannheim her. Später ging es weiter zum Studium an die Akademie für Tonkunst in Darmstadt, wo ihre Stimme weiter geformt wurde. „Meine Lehrerin an der Akademie, Elisabeth Richards, war ein toller Mensch und eine hervorragende Pädagogin“, schwärmt die 43-Jährige, die schon während des Studiums als Chor-Aushilfe an den Staatstheatern in Mainz und Mannheim verpflichtet wurde.

Über kurze Engagements in verschiedenen Rundfunkchören führte der Weg zum Chor der Bayreuther Festspiele und schließlich 2012 ans Staatstheater in Stuttgart. „Über die Festanstellung an diesem bedeutenden Opernhaus habe ich mich sehr gefreut. Hier kann ich künstlerische Tätigkeit und Familie gut in Einklang bringen.“

Seit einigen Jahren wohnt Matyuschenko in Plochingen, wo sie an der Musikschule eine Gesangsklasse unterrichtet. Bei ihren Schülerinnen und Schülern möchte sie die Liebe zur Musik wecken, sie in die klassische Gesangstechnik einführen und den musikalischen Horizont erweitern. Dabei ist sie breit aufgestellt: Klassische Werke gehören ebenso zum Unterrichtsrepertoire wie Melodien aus Musicals oder bekannte Schlager. Lange Zeit fanden die Unterrichtsstunden online statt. Anna Matyuschenko sehnte sich nach Präsenzunterricht: „Ich brauche den Kontakt zu Menschen.“ Die Sängerin ist froh, dass sie ihren Eleven jetzt wieder Musizierstunden anbieten kann, wo sie sich in geselligem Rahmen treffen und das im Unterricht Studierte vortragen können.

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