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Ganz ohne Lehrplan und Prüfung

Engagement Die Katholische Gesamtkirchengemeinde Kirchheim hat mit dem Freiwilligen Sozialen Jahr gute Erfahrungen gemacht. Jugendliche können sich dabei mit ihren Fähigkeiten einbringen. Von Peter Dietrich

Carolin Kolb ist Jugendrefe­rentin in der Katholischen Gesamtkirchengemeinde in Kirchheim und seit fünf Jahren für die jungen Menschen im Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) zuständig. Von den zwei Stellen ist derzeit nur eine besetzt - mit der 18-jährigen Leonie Gubo. Die Jugendreferentin schätzt den gro­ßen Spielraum, den sie im Rahmen des FSJ mit ihren Schützlingen genießt: „Es gibt keinen Lehrplan und keine Prüfung.“ So könne sich jeder Jugendliche mit seinen Gaben und Fähigkeiten einbringen. Oft waren beide Stellen mit zwei Jungs besetzt, Leonie Gubo ist die dritte junge Frau in fünf Jahren.

Für Carolin Kolb ist die Betreuung der jungen Menschen spannend, wobei nicht nur die FSJler etwas lernen, sondern auch sie selbst. „Für manche sind die flexiblen Arbeitszeiten schwierig.“ Wenn etwa jemand jedes Wochenende mit dem Sportverein unterwegs ist, kann es zu Kollisionen kommen. „Daher betone ich das im Bewerbungsgespräch nun immer besonders.“ Grundsätzlich komme das Engagement von Bewerbern im Sport- oder Musikverein aber gut an, es zeige die Freude am Kontakt mit Menschen. „Das muss gar nichts Kirchliches sein.“

Der 18-jährigen Leonie Gubo gefällt die Flexibilität. So hat sie auch mal einen halben Tag unter der Woche frei. Sie wusste, was sie erwartet, denn sie war schon vorher in der Kirchengemeinde ehrenamtlich aktiv, mit den Ministranten und beim Zeltlager. Trotzdem gibt es für sie auch immer Neues zu entdecken, etwa die Sitzungen des Kirchengemeinderats oder die wöchentliche Mitarbeit in den Pfarrbüros von St. Ulrich und Maria Königin. Nur in den Kindergarten darf sie derzeit wegen Corona nicht, und auch die Begleitung des Pfarrers ins Seniorenzentrum muss derzeit entfallen.

Dafür gibt es immer wieder ganz viele Materialtüten zu packen, etwa mit Bastelutensilien. „Dabei ist ihre Mitarbeit ein Segen“, sagt Carolin Kolb. Zum einen steuert Leonie Gubo gute Ideen zum Inhalt bei, zum anderen beweist sie Ausdauer - auch wenn es mal um 400 Tüten geht. Sie hat auch keine Scheu vor der Technik. Die Onlinetermine absolviert sie mit dem eigenen Laptop, und sie war beim Aufbau eines kleinen Studios für den Erstkommuniontag dabei.

Wegen den derzeit eingeschränkten Arbeitsbereichen hat die Gesamtkirchengemeinde nur eine der beiden Stellen besetzt. Aber Leonie Gubo hatte sich früh beworben, sie wollte auf jeden Fall ein FSJ ablegen. Nach ihrem Abi­tur am Ludwig-Uhland-Gymnasium wusste sie noch nicht genau, wie es beruflich weitergehen sollte. Ihre Zeit im FSJ seit September 2020 hat sie für die Orientierung genutzt und beginnt nun im Herbst 2021 eine Ausbildung zur Hotelkauffrau. Als neue Umgebung hat sie sich das Allgäu ausgeguckt und prompt in ­Schwangau eine Stelle gefunden. „Als ich im Vorstellungsgespräch auf Wochen­end-Dienste angesprochen wurde, konnte ich mit meinen FSJ-Erfahrungen super punkten“, berichtet Leonie Gubo ­lachend.

Die beiden Kirchheimer Stellen gehören zum Programm „FSJ pastoral“. Die Teilnehmer sollen viele verschiedene Bereiche einer Kirchengemeinde kennenlernen. Die Hoffnung ist, dass einige so ihren zukünftigen Beruf entdecken. In kirchlichen Diensten ist bislang allerdings noch kein FSJler gelandet. „Leider“, sagt Carolin Kolb, das sei wirklich schade. Wer sich bewerbe, müsse nicht katholisch sein, sagt die Jugendreferentin. Er oder sie müsse sich aber mit der kirchlichen Arbeit identifizieren. Eine Gewissensprüfung gibt es aber nicht. Die gab es früher mal für Kriegsdienstverweigerer. Als die Wehrpflicht dann ausgesetzt wurde, fiel auch die Zivildienststelle in Maria Königin weg und wurde in eine FSJ-Stelle umgewandelt. Später kam die zweite Stelle in St. Ulrich hinzu.

Für die Teilnehmer gibt es ein einheitlich geregeltes Taschengeld, auch die Monatskarte wird übernommen. Leonie Gubo macht ihre Arbeit Spaß, auch die selbstständige Organisation von Projekten wie „Darf’s ein Kilo mehr sein?“.

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