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geistliches Wort

In London fand letzte Woche der „World Naked Bike Ride“, der Welt-Fahrrad-Nackt-Fahr-Tag statt. Der Welttag des nackten Fahrradfahrens? Er wurde 2001 ins Leben gerufen und findet jedes Jahr im Juni in zahlreichen Städten weltweit statt. Neben dem Spaßcharakter geht es um eine politische Botschaft: Die nackten Fahrradfahrer demonstrieren gegen die Abhängigkeit unserer Mobilität vom Öl und für mehr Aufmerksamkeit für Fahrradfahrer. Mag diese Aktion auch Stirnrunzeln und Kopfschütteln auslösen, so macht sie doch auf etwas aufmerksam, was für unsere Umwelt und unser Zusammenleben nicht unwichtig ist.

Nacktheit schafft Aufmerksamkeit! Das wusste schon der Prophet Jesaja. In der Bibel wird berichtet, dass Jesaja drei Jahre lang nackt und barfüßig durch die Lande zog, weil er von Gott den Auftrag dazu erhalten hat. Mit seiner Nacktheit soll er sein Volk darauf aufmerksam machen, dass viele Menschen nackt und in schändlicher Blöße aus dem eigenen Land getrieben werden.

Dass Jesaja nackt durch die Lande zog, hat ihm sicher kein Ansehen eingebracht, sondern Spott und Hohn. Aber er ist nicht auf Ansehen aus. Er glaubt bedingungslos an das, was er von Gott geschaut und gehört hat. Zu Beginn des Jesajabuches liest man, dass Jesaja in einer Art Traumvision Gott selbst sieht. Und Einsicht erlangt in Gottes heilvolles Handeln. Jesaja erlebt sich als erlöst und befreit.

Jesaja hat Gott gesehen. Und: Gott hat Jesaja gesehen. Darum glaubt Jesaja an das, was er von Gott geschaut hat, und wirft für ihn sein ganzes Ansehen in die Waagschale. Er hört nicht auf, die Menschen auf die Missstände hinzuweisen.

Ich bewundere Jesajas Tatkraft und Konsequenz. Ich frage mich, ob wir in unserer Welt nicht ein bisschen mehr für das einstehen müssten, was wir von Gott geschaut, was wir verstanden haben. Müssten wir uns nicht um ein bisschen mehr Öffentlichkeit bemühen? Müssten wir nicht das eine oder andere Mal unser Ansehen in die Waagschale werfen? Dafür müssen wir nicht nackt durchs Land ziehen oder nackt Fahrrad fahren. Aber wir können uns bereithalten für die kleinen Aufträge an uns, an unserem Ort. Denn Gott hat auch uns gesehen.

Muriel Sender Vikarin der evangelischen Kirchengemeinde Jesingen

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