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geistliches Wort

Gerne erinnere ich mich an meine Schulzeit zurück, vor allem an die damals beliebten Kinderfeste mit Umzug, Rummelplatz und was halt zu so einem Fest gehört. Zum Abschluss des Umzugs traf man sich auf dem Festplatz. Zusammen mit dem Musikverein wurde das Lied „Geh aus mein Herz und suche Freud, in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben“, gesungen. Seither ist es zu einem meiner Lieblingslieder geworden. Paul Gerhardt, der es 1653 geschrieben hat, hat sie verstanden, die Dichtkunst seiner Zeit - wie man Theologie, Bilder und Sprachformen aus der mittelalterlichen Mystik verbindet.

Natürlich hatte er mit seinem Lied auch ein Ziel: die Vermittlung des Glaubens. Überschwänglich werden die Gaben Gottes gepriesen. Die ganze Natur ist ein Garten. Aber ein Blick in die kleine Welt um mich herum - von der großen Welt ganz zu schweigen - genügt, um zu sehen, wie es wirklich aussieht. Auch Gerhardt wusste um die dunklen Schatten, die zu unserem Leben gehören. Wir erleben tagtäglich Angst, Krieg, Katastrophen. An allen Ecken muss geschützt werden: Umweltschutz, Tierschutz, Naturschutz. Aber dieses Lied beschreibt nicht nur die Natur und was wir als Naturliebhaber tun können.

Natur ist eine Gabe Gottes, die wir erhalten sollten für alle, die nach uns kommen. Wir tragen dafür Verantwortung. Daher können wir immer wieder dieses Lied von der Freude, dem Sommer, den Lerchen, den Bienen und den Blumen singen, weil wir darin Gottes gute Schöpfung loben. Es erinnert da­ran, dass da mehr ist als der Mensch und das, was wir vor Augen haben. Gott hat unser Leben gesegnet und uns ein Herz gegeben, um empfinden zu können, wie verletzlich alles ist, wir selber und die Welt um uns herum. Hinzuschauen auf das Leben und die Natur, das ist unsere Verantwortung. Die letzten Strophen des Liedes sind bestimmt von Bitten. Unaufdringlich werden die zentralen Worte genannt: Geist, Gnade und Glaube. Deshalb bitten wir auch um den Heiligen Geist, der uns den Mut schenkt, ganz und gar geistesgegenwärtig auf dieser Erde zu leben.

Dieser Sommergesang geht vom Staunen aus und kehrt zum Staunen zurück. Das mag auch der Grund dafür sein, dass mit dieser Dichtung keineswegs alles gesagt ist. Wir sind diejenigen, die diese Freude hineintragen sollen in die Städte und Dörfer. Das sollen wir auch tun, wenn wir miteinander das Stadtfest oder sonst ein Fest feiern. Dann können wir miteinander singen: „Ich selber kann und mag nicht ruhn, des großen Gottes großes Tun, erweckt mir alle Sinnen; ich singe mit, wenn alles singt, und lasse, was dem höchsten klingt, aus meinem Herzen rinnen.“

Winfried Hierlemann Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde Maria Königin in Kirchheim

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