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Geistliches Wort Auf dem Weg nach Emmaus

Das seltsamste Osterfest, das ich je erlebt habe, liegt nun schon wieder zwei Wochen zurück. Ostern ohne Gottesdienste in der Gemeinschaft, Ostern ohne das Zusammentreffen der Familie und das Miterleben der Freude der Kinder am Suchen der Geschenke, Ostern ohne fröhliches Zusammentreffen von Fremden und Bekannten, die sich freudig umarmen und sich ein frohes sowie gesegnetes Osterfest wünschen.

Ostern in der Coronazeit. Für die katholische Kirche ist für Sonntag ein Evangeliumstext vorgesehen, der schon am Ostermontag zu hören war. Zwei Jünger gehen voller Verzweiflung und Enttäuschung zurück in ihr Heimatdorf, zurück nach Emmaus. Alles, was sie in den vergangenen Jahren getan und erlebt hatten schien nutzlos und vergebens gewesen zu sein. Jesus, ihr Freund und Vorbild, war grandios gescheitert und am Kreuz hingerichtet worden. Aus und vorbei! Ich muss zugeben, vieles von dieser Untergangsstimmung kann ich heute zum ersten Mal wirklich nachempfinden. Kontaktverbote, Maskenpflicht, Begegnungen auf Abstand, Sorgen um die eigene Gesundheit und die der Mitmenschen, all das zieht mit der Zeit doch ganz schön runter. Die Jünger aber bleiben nicht in dieser depressiven Stimmung gefangen. Schon auf dem Weg, auf dem sich ein zunächst noch Unbekannter ihnen anschließt, können sie ihre Gefühle in Worte packen und erzählen. Sie reden ohne Punkt und Komma, um dem Fremden alles zu erzählen, was sie erlebt hatten und was sie im Moment so sehr bedrückt. Und siehe da, schon jetzt war es ihnen etwas leichter ums Herz. Vielleicht hilft das auch uns. Aussprechen, was mich ängstigt und beschäftigt. Reden über die Sorge um unser Zusammenleben, um den Arbeitsplatz, um die Gesundheit, um die Zukunft. Wer das nicht im eigenen Umfeld kann, der oder die hat zum Glück die Möglichkeit, zum Telefon zu greifen und entweder die Seelsorger der Gemeinden anzurufen oder eine der zahlreichen, Gesprächsangebote zu nutzen.

Für die beiden Jünger Jesu wird das Gespräch zum Türöffner. Sie laden den Fremden ein, bei ihnen zu bleiben und die Mahlzeit und das Dach über dem Kopf mit ihnen zu teilen. Und beim Brotbrechen erkennen sie den Fremden als ihren Freund und Meister Jesus. Und ihnen wird klar: Jesus ist nicht tot, sondern er lebt. Er lebt mit und für sie, er lebt mit und für uns. Zwar dürfen wir das Brot noch nicht miteinander teilen, weil das Versammlungsverbot das noch immer nicht erlaubt, aber wir dürfen definitiv die Freude über die Auferstehung, über das Leben, das über den Tod gesiegt hat, im Herzen und auf den Lippen tragen.

Rainer Wagner

Diakon der katholischen Gesamtkirchengemeinde Kirchheim

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