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Geistliches WortAn eine Unbekannte

Morgens im Wartebereich der Nuklearmedizin. Eine junge Frau und ich. Wer hier sitzt, hat wirklich was. Wir kommen ins Gespräch, dann werde ich gerufen und kann ihre Frage nicht mehr beantworten: „Wie ist das für Sie, wo Sie doch sonst immer stark sein müssen . . .?“

In den Tagen seither habe ich viel darüber nachgedacht, versucht Worte zu finden für das, was ich denke:

Nein, ich muss nicht stark sein. Ja, wenn ich andere begleite, darf ich auch nicht stark sein. Auf meine Stärke kommt es nämlich nicht an. Ich kann hören, aushalten, nachfragen, Gedanken einwerfen, aber die müssen Platz haben im Selbstgespräch meines Gegenübers. In dem vielen Wenn und Aber, in der Angst und der Unsicherheit. Nur wenn sie zu eigenen Gedanken werden, schließlich eine Hoffnung ausdrücken, trotzdem, die sie selber so noch nicht in Worte fassen konnten, dann werden sie zu einem Halt für mein Gegenüber. Nur so können diese Worte eine Gedankenlandschaft beeinflussen, verändern, helfen, den Blick zu heben, ein Bollwerk werden gegen die Angst, trotzdem, einen Lichtstrahl ins Dunkel werfen, können sie zu eigenen Gedanken werden.

Sonst fallen sie auf den Boden und bleiben wirkungslos, vor allem, wenn es meine Worte und meine Gewissheiten bleiben und ich so stark bin. Aber ich kann niemanden zur Zuversicht überreden. Und manche Worte sind Geschwätz, drücken mit ihrem Zweckoptimismus eher herunter, als dass sie einem Menschen helfen. Andere lassen mir Raum, trotz meiner Angst, die Hand auszustrecken. „Ich glaube aber doch, dass ich sehen werde die Güte des Herrn im Lande der Lebendigen.“ Doch - nicht selbstverständlich. Trotzdem. Im Widerspruch gegen das Offensichtliche.

„Wie ist das für Sie, wo Sie doch sonst immer stark sein müssen . . . ?“ Stark wäre ich untauglich für meine Aufgabe. Deshalb doppelt gut, jetzt einmal auf der anderen Seiten zu stehen und in der Nuklearmedizin zu sitzen, wartend. Empfangen, den Weg zu gehen zwischen Angst, Widerspruch und Zuversicht. Und dabei zu entdecken, welche Worte kleine Lichtlein werden können und welche alte rostige Laternen sind für mich, auch wenn es sich um zentrale Verse der Bibel handelt. Und das Wunder zu erleben, dass man dann auch bei der dritten OP auf den OP-Tisch klettern kann und mit dem Gedanken in die Narkose gehen kann: „Ich liege und schlafe ganz mit Frieden, denn Du allein, Herr, hilfst mir, dass ich sicher wohne.“ Trotzdem.

Renate Kath

Dekanin des Kirchenbezirks Kirchheim

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