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Geistliches wortBlues im November

Kennen Sie den auch - den Novemberblues? Ja, ich bekenne - ich mag ihn nicht, den November! Die Natur stirbt, die Tage werden immer kürzer, es wird kalt und riecht nach Winter. Die Vögel verstummen und die Nebel drücken auf mein Gemüt. Es fehlt an Licht und Wärme. Ich spüre eine tiefe Melancholie in mir, eine Trauer darüber, dass die Sommertage vorbei sind und es spuken die einschlägigen Gedichtzeilen in meinem Kopf herum: „Seltsam im Nebel zu wandern! Leben ist Einsamsein. Kein Mensch sieht den andern, jeder ist allein“ (Hesse) und: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben. . .“ (Rilke) - ja ich hab‘ definitiv den Novemberblues.

Wo finde ich Trost? In der Religion? Im Glauben? Die Kirchen erinnern uns ja obendrein den ganzen November über an unsere Vergänglichkeit, ans Sterben, an Tod und Trauer mit Tagen wie Allerheiligen, Allerseelen, Volkstrauertag, Totensonntag/Ewigkeitssonntag. Keine große Hilfe gegen den Novemberblues - oder, vielleicht doch? Ich muss gestehen, schon als Kind liebte ich es, mit meiner Großmutter über den Friedhof zu gehen. Wie schön übrigens in der deutschen Sprache das Wort „Fried-Hof“, Hof des Friedens! Ich mochte Allerheiligen und Allerseelen, wenn sich die ganze Familie zum Gräberbesuch aufmachte. Und später fand ich es auch passend, dass wir im November der Toten der Weltkriege gedenken, dass wir uns erinnern an alle im Krieg Gefallenen und Vermissten und wir spüren, wie wichtig Versöhnung, Völkerverständigung und Frieden sind. So ist November auch der Monat des Erinnerns und Gedenkens: All die Toten und Verstorbenen werden von uns ins Leben hineingenommen - und gleichzeitig werden wir uns unserer Endlichkeit und Vergänglichkeit bewusst: „Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen. . .“ schreibt Martin Luther. Ja, der Tod ist ein treuer Begleiter, denn wir kennen weder Tag noch Stunde unsres Lebens Ende.

Und doch hört mein Glaube nicht am Grab auf, ist mein Gott nicht ein Gott der Toten, sondern ein Gott des Lebens. Denn auch „Mitten im Tod sind wir vom Leben umfangen“. Und: „Geheimnis des Glaubens - im Tod ist das Leben.“ (Zenetti) So kommen Licht und Wärme und Hoffnung in den „ungeliebten“ November. Auch wenn ich mit der Novemberstimmung hadere, so versöhnen mich doch die „stillen Tage“ mit diesem letzten Monat im Kirchenjahr - die besonderen Novembergedenktage, und da sei auch das St. Martinsfest mit seinem Licht- und Lebenteilen nicht vergessen.

Sabina Brandenstein

Pastoralreferentin in Maria Königin, Kirchheim

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