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Geistliches WortDenken an den Aufbruch

Irgendwann wieder als Arzt und Hochschuldozent in Wien zu arbeiten - diese Vorstellung gab Viktor Frankl (1905-1997) die innere Kraft, das Konzentrationslager Auschwitz zu überleben. Fast täglich, so Frankl, habe er sich als Lagerinsasse konkret vorgestellt, wie er zum Beispiel den Studierenden seine psychologischen Erkenntnisse aus der KZ-Zeit vermitteln würde.

Frankls Erfahrung ist unvergleichlich. Ebenso das Leid, das ihm und Millionen Menschen in der Nazi-Zeit widerfahren ist. Gleichwohl kann man von Frankls Haltung etwas ganz Praktisches lernen, gerade für das Leben in der Pandemie. Erstens: Die Coronakrise wird vorbeigehen, so zermürbend die Einschränkungen im Moment auch sind und so unabsehbar ihre Folgen. Es wird die Zeit kommen, in der es vorbei ist. Zweitens: Es wird einen Neuanfang geben, wie auch immer er aussehen wird. Daran zu denken und mir konkret vorzustellen, was ich dann real tun will, hilft mit, die derzeitige Unsicherheit und das Gefühl der Lähmung auszuhalten. Drittens: Ja, die Krise verursacht Schäden und Abschiede, die schrecklich weh tun. Wir sammeln dabei aber Erfahrungen, die wir weitergeben und nützen werden. Ähnlich wie Frankl, der sich 1944 im KZ genau vorgestellt hat, wie er einmal seinen Studenten erklären würde, was da passiert ist und was er über die Psyche der Menschen gelernt hat.

Solches Vorausdenken scheint jämmerlich wenig zu sein gegen die harten Tatsachen im Augenblick. Doch der Eindruck täuscht. Durchs bloße Denken hat Frankl die KZ-Mauern, in die er eingesperrt war, durchlässig gemacht. Noch etwas hat ihm geholfen: Er suchte das Gespräch mit Mitgefangenen. Denken und Reden, das half Frankl zu überleben. Und wenn ihm selbst das nicht möglich war? - „Dann stolperte ich weiter. Auf einem Weg, der nur noch aus Gottvertrauen bestand.“

Matthias Hennig

Pfarrer in der ev. Gemeinde Weilheim

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