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Geistliches WortEin starker Rücken

Opa, das dauert, wann sind wir wieder daheim?“, so mein dreijähriger Enkel, als ich mit ihm im Wald spazierte. Tja, „das Leben ist kein Ponyhof“, wie man so sagt. Niemand will etwas Unangenehmes ertragen müssen. Leichter sind die schönen Dinge. Und doch gibt es Zeiten, die uns Verzicht und Schweres abverlangen. Viel leichter kann man solche Wegstrecken gehen, wenn man einen Plan hat, wenn man weiß, wie lange es noch dauert und was noch kommt. Krankheitszeiten und Reha-Maßnahmen können dauern. Ebenso Ausgangsbeschränkungen. Man zählt die Tage und Wochen. Und wie wir solche Durststrecken ertragen, hängt auch vom Maß unserer Geduld ab. Mein Griechischlehrer damals stand recht kurz vor seiner Pensionierung. Der Unterricht mit uns machte ihm „fast“ Spaß. Und da sagte er immer wieder: „Und denken Sie daran, in 50 Jahren ist alles vorbei!“ Das war seine Perspektive. Von Theodore Roosevelt stammt der Satz: „Bitte nicht um eine leichte Bürde, sondern um einen starken Rücken.“ Was macht unseren Rücken stark? Körperlich: Bewegung, Training der Muskulatur. Und im übertragenen Sinne? Wie gewinnen wir Geduld? Unter anderem, indem wir uns auf konkrete Ziele konzentrieren: kleine Dinge im Alltag, die Begegnung mit Freunden, wenn man wieder darf, ein Urlaub, ein Neuanfang, eine Freude, die man einem anderen macht, und so weiter. Aber auch große Ziele: auf das Kind, das man erwartet, auf die Gründung einer eigenen Firma, auf eine Beförderung oder auf den Ruhestand. Christen haben noch weitere Perspektiven: feste Werte, die den Rücken stärken, Hoffnung auf die Welt Gottes - ohne Leid und Schmerzen. Dies ist wirksamer Trost, keine Vertrös­tung auf die Zeit, wenn alles vorbei ist. Diese Zuversicht stärkt­ den Rücken in der Gegenwart und macht Mut, auch Bürden, die nicht beeinflussbar sind, mit Geduld zu ertragen.

Wilfried Veeser

Pfarrer der evang. Kirchengemeinde Dettingen

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