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Geistliches WortEine Knospe sein

Menschen möchten gerne die Dinge im Griff haben. Das Leben unter Kontrolle haben, das Leben „machen“ - das ist ein moderner Traum der Menschheit. Dieser Traum beherrscht unsere Wachstumsgesellschaft. Es gab viele Erfolge in der Neuzeit mit dem Machen, Reisen ins Weltall, Medikamente und Therapien für viele Krankheiten, Kommunikationssysteme von unglaublicher Geschwindigkeit. Der „homo faber“, der Macher-Mensch, wie ihn Max Frisch nannte, hat sich an seine Machbarkeits-Erfolge gewöhnt. Umso irritierender ist es, wenn dann Dinge geschehen, in denen die gewohnte Kontrollierbarkeit der Dinge erschüttert wird - wie jetzt durch das Virus. Oder wenn sich zunehmend herausstellt, dass viele Macher-Erfolge massive Nebenwirkungen haben, wie Umweltzerstörung, Raubbau und Ausbeutung der Schwächeren.

Wenn die Dinge nicht wie gewohnt im Griff sind, gibt es einen wiederkehrenden Reflex. Man sieht sich als Opfer finsterer Mächte und die Erklärungssuche fördert Verschwörungstheorien, in denen nach Schuldigen gesucht wird. Das ist praktisch, denn so muss nicht überlegt werden, worin vielleicht die eigene Verantwortung besteht, mit der Lage zukunftsweisend und solidarisch umzugehen. Vielleicht ist diese Corona-Krise auch eine Chance, um zu begreifen, dass das Leben ein Geschenk ist, eine Überraschung, ein Geheimnis! Die aufblühenden Knospen im Frühling, die zu Früchten reifen; das erleichterte Herz, wenn mir jemand hilft; das Staunen über ein Kind, das im Mutterleib heranwächst; die Liebe zwischen zwei Menschen, die Kraft, Krankheit und Sterben aushalten zu können in der Erwartung, dass dieses Leben bei Gott jenseits der Nöte dieses irdischen Lebens einmal alles, was einem fehlt, finden darf.

Der Glaube hilft, dass man ein Weltverhältnis einübt, das zwischen hyperaktiver Weltkontrolle und bloßem Opfer-Sein liegen kann. Zum einen, weil ich darauf vertrauen kann, dass Gott Wege und Absichten hat, die jenseits meines Horizontes liegen, Und ich kann darauf vertrauen, dass sich aus scheinbar schwierigen Hindernissen immer auch Chancen entfalten. Zum anderen vertraue ich darauf, dass ich nicht bedeutungslos bin und der Gang der Dinge nicht einfach festliegt, sondern dass ich für Gott eine unverzichtbare Knospe bin im wilden Garten der Welt. Eine Knospe, die Frucht werden soll. „Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit!“ Dieser Glaubenssatz beschreibt sehr gut die zuversichtlich gestimmte Bescheidenheit, die auch jetzt gerade in der Corona-Krise hilfreich ist.

Jochen Maier

Pfarrer der Martinskirche Kirchheim

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