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Geistliches WortEine neue Hymne

Thüringens Ministerpräsident Ramelow findet, es braucht eine neue Hymne für Deutschland. An den Worten und Werten „Einigkeit und Recht und Freiheit“ stößt er sich nicht, aber daran, dass die Nazis bei ihren Aufmärschen die erste Strophe des Liedes mit nationalistischer Inbrunst geschmettert hatten. Jüngst wurde ausgerechnet diese Strophe „Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt“ bei einer AfD-Veranstaltung gesungen. Das offenbart, wes Geistes Kinder sich da tummeln.

Eine Hymne drückt Identität aus. Und da macht es einen gewaltigen Unterschied, ob man „brüderlich mit Herz und Hand“ nach „Einigkeit und Recht und Freiheit“ strebt oder ob man unser Land - was genau davon? - über allem in der Welt sieht. Tragischerweise hat Letzteres immer mehr Konjunktur. Trumps „America first“ schafft reichlich Chaos, befeuert Kriegsspekulationen gegen den Iran und hat schon einen veritablen Handelskrieg mit China vom Zaun gebrochen. Aus Egoismus werden Grenzen dicht gemacht und Notleidende mit kalter Schulter abgewiesen. Selbstherrlich werden drängende Umweltprobleme geleugnet und ein menschenverachtender Rassismus gepredigt.

Auch in Europa und in unserem Land beobachten wir solche Tendenzen mit Grauen. Zum Glück haben wir am 26. Mai die Wahl, uns für eine vernünftige, natur- und menschengerechte Politik starkzumachen. Geben wir unsere Stimmen für eine lebenswerte und solidarische Zukunft für unsere Stadt, für unser Land, für Europa und für die ganze Schöpfung.

Und erheben wir unsere Stimmen am Sonntag Kantate, der morgen gefeiert wird. „Singt dem Herrn ein neues Lied“, heißt das Motto. Da geht es nicht um eine neue Nationalhymne, sondern um das Lob Gottes, „denn er tut Wunder“. Dieses neue Lied, von vielerlei Chören in den Gottesdiensten unterstützt, lobt Gott für all das, was er uns persönlich, in den Gemeinden und in unserem Land geschenkt hat. Das Neue an diesem Lied ist - unabhängig von der Entstehungszeit des Textes oder der Melodie -, dass es nicht klagt, auch niemanden anklagt und erst recht nicht die Singenden „über alles“ erhebt. Neu an diesem Lied ist, dass es den Blick erhebt zum Schöpfer, der alle Menschen und die ganze Natur liebt und uns Zukunft zuspricht. Diesem Gott können wir wirklich aus voller Kehle singen und ihm vertrauen, „denn er tut Wunder“.

Christoph Schweikle

Pfarrer der evangelischen Christuskirche Kirchheim

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