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Geistliches WortEinladung zur Anteilnahme

Neu anfangen. Ohne ein Wort über den Mittwoch lässt sich heute kein aufrichtiges Wort zum Sonntag sagen. Am vergangenen Mittwochnachmittag erschoss in Halle der 27-jährige Stephan B. zwei Menschen in Nähe der Synagoge im Paulusviertel. Er wollte so viele jüdische Mitbürger wie möglich töten. So wählte er den höchsten jüdischen Feiertag für sein Vorhaben, Jom Kippur. Der Plan und die Tat erschüttern, auch in dem Bewusstsein, dass der christliche Glaube im jüdischen verwurzelte ist. Jom Kippur ist der „Versöhnungstag“, den Großteil des Tages verbringen gläubige Juden in der Synagoge. 80 Personen aus der jüdischen Gemeinde in Halle haben am vergangenen Mittwoch innegehalten, gebetet und gefastet. Es geht an Jom Kippur darum, ehrlich und wahrhaftig die eigenen Fehler, Versäumnisse, Irrtümer und die eigene Schuld vor Gott auszusprechen. Die Reue verbindet sich mit der Bitte um Vergebung. Die Betenden suchen die Versöhnung mit ihren Mitmenschen, mit sich und mit Gott. Jom Kippur gibt schließlich dem Zuspruch Gestalt, dass Gott den bittenden Menschen einen neuen Anfang schenkt.

Stephan B. hat sich jenen Tag höchster Heiligkeit und Verletzlichkeit der Opfer für seine Mordabsichten zurechtgelegt. Er filmte alles mit und über den Streamingdienst Twitch wurde das Video in Echtzeit übertragen. Das halbstündige Video wurde binnen weniger Stunden unzählige Mal aufgerufen. Weltweit wurde es von Gesinnungsgenossen des Täters angeschaut, gefeiert und auf einer Tabelle ähnlicher Taten nach Punkten platziert. So also steht es um die Menschheit? Den Hinterbliebenen der Opfer gilt höchste Anteilnahme. Den bedrohten jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern und den Synagogengemeinden gilt Solidarität. Den Strukturen, Ideologien und Akteuren, die solche Verbrechen befördern, gilt Widerstand.

Beim sonntäglichen Fürbittengebet morgen Vormittag in den Kirchen können Mitgefühl, Solidarität und die Widerstandsbereitschaft Ausdruck finden. Und natürlich erweist sich die Glaubwürdigkeit der Betenden in der Kirche auch am konkreten Verhalten im Alltag. Gerade der Gottesdienst bietet die Chance, zur Besinnung zu kommen und Kraft zu schöpfen - Kraft dafür, um von der Gerechtigkeit, dem Frieden und der Bewahrung der Schöpfung nicht nur zu reden oder zu demonstrieren, sondern auch entsprechend zu handeln. Geben doch alle - ähnlich den jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger an Jom Kippur - Reue und Bitte um Vergebung und den Wunsch nach einem neuen Anfang vor Gott Ausdruck!

Matthias Hennig

Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Weilheim

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