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geistliches WortGeduldig sein und ausharren

Bleiben Sie zuversichtlich“, so verabschiedet sich der Moderator am Ende der Sendung. ­Aufwühlende Nachrichten, gestiegene Corona-­Infektionszahlen und immer ­wieder neue Probleme wurden gezeigt.

Doch aus dem Abschiedssatz ist Zuversicht zu spüren. Auch dieser Albtraum wird eines Tages vorüber sein. Noch immer sind Vorsicht und Rücksicht geboten. Geduldig sein und ausharren, heißt die Herausforderung, auch nach einem Jahr.

„Ich brauche jetzt Ermutigung und Zuversicht“, hat jemand kürzlich im Gespräch gesagt. Zuversicht, die hilft, durchzuhalten im anstrengenden Alltag, weil sie den Blick offen hält für das, was jetzt noch nicht zu sehen ist: Chöre machen wieder Musik, Kinder besuchen unbeschwert ihre Großeltern, Cafés und Läden, Begegnungsstätten und Beratungsstellen stehen offen. Je länger die Pandemie dauert, des­to besser werden die Menschen beides kennen: Momente der ­Zuversicht sowie Momente der Skepsis und Erschöpfung.

Eine bekannte Legende erzählt von einer alten Indianerin, die mit ihrer Enkeltochter am Lager­feuer sitzt. Das Feuer schlägt ­helle Funken in die Dunkelheit der Nacht. Die alte Frau schaut auf das junge Mädchen und bricht das Schweigen. „Du musst wissen, in mir sind zwei Wölfe. Sie kämpfen miteinander. Der eine ist misstrauisch und zerstörerisch. Der andere ist sanft und vertrauensvoll.“ Das Mädchen hört still zu und fragt dann: „Welcher Wolf wird den Kampf gewinnen?“ Das Feuer knistert. Die Nacht ist klar. Es dauert einen Augenblick, bis die Großmutter antwortet. Dann sagt sie: „Es ist der, den ich füttere.“

Menschen leben auf ­Hoffnung hin. Nicht nur in der Corona­zeit. Die Vorfreude sei die ­kleine Schwester der Hoffnung, sagt man. Das bedeutet, dass die mühsamen Momente des ­Lebens nicht alles bestimmen, dass sich Enttäuschte nicht hinreißen ­lassen, den zerstörerischen Wolf zu füttern und zu Aggression und Gewalt zu greifen.

Der christliche Glaube weckt Kräfte der Zuversicht, die Menschen brauchen, um durchzu­halten. Der Glaube kann ­helfen, die Hoffnung nicht zu ­verlieren und Krisen zu überwinden. Die Evangelien berichten von kurzen Begegnungen, in denen der auferstandene Christus nach der Kreuzigung den ­enttäuschten Jüngern gegenübertritt. Der Skeptiker Thomas darf ihn sogar kurz anfassen und spüren.

Diese Momente reichen, um die Zuversicht zu nähren, dass das Leben siegt. Sie setzen neue Kräfte frei, Aufgaben zu meis­tern. Die Jünger verbreiten danach Hoffnung und üben sich ­darin, füreinander da zu sein.

Rosemarie Fröhlich-Haug

Pfarrerin der ev. Gemeinde Lindorf und Ötlingen

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