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Geistliches WortGeschenkte Gebote

Beten, Bibel, Glaube, ReligionSymbolfoto
Beten, Bibel, Glaube, ReligionSymbolfoto

Viele der Zehn Gebote beginnen mit den Worten „Du sollst nicht“. Trotzdem spricht man nicht von „Verboten“, sondern von „Geboten“. Und das zu Recht: Denn diese Lebensregeln, die dem Volk Israel nach dem Auszug aus Ägypten geschenkt wurden, haben eine positive Ausrichtung. Das merkt man schon an ihrer Einleitung: „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten, aus der Sklaverei, geführt hat.“ Erst danach kommen die Lebensregeln: Du sollst nicht morden, stehlen, „falsch Zeugnis“ reden. . .

Ich verstehe die Zehn Gebote als Zeichen dafür, dass Gottes große Befreiungsaktion damals auf die Zukunft ausgerichtet war. Denn es liegt ihm etwas am guten Zusammenleben seines Volkes Israel. Ich bin mir sicher: Es liegt ihm auch etwas an unserem Zusammenleben heutzutage. Hier kommen die Zehn Gebote ins Spiel. Über jedes Einzelne von ihnen könnte man sich stundenlang unterhalten. Doch welcher andere jahrtausendealte Text kann schon von sich behaupten, weltanschauungsübergreifend in so großen Teilen Zustimmung zu finden?

Es geht also um das Zusammenleben. Denn an Gott zu glauben, ist mehr als eine innere Haltung. Der Glaube schlägt sich im alltäglichen Lebensvollzug nieder. Er ist eine Lebensweise. Diese Lebensweise taugt nicht dazu, bei Gott eine Art Punktekonto anzulegen. Eher folgt sie einer bestimmten Sicht auf die eigene Person. Ich habe zum Beispiel überhaupt keinen triftigen Grund, die Nachbarin wegen ihres schicken Cabrios zu beneiden, wenn ich mich als von Gott ins Leben gerufen verstehe (9./10. Gebot). Und ich will mich im Rahmen meiner begrenzten Möglichkeiten dafür einsetzen, dass meine Eltern einmal in Würde altern können, und möchte sie so „ehren“ (4. Gebot). Warum? Weil ich glaube, dass in den Zehn Geboten Gottes Lebenswille für alle Menschen durchschimmert. Die Gebote bauen eben keine Drohkulisse auf, sondern bewahren vielmehr vor der drohenden Jämmerlichkeit eines ausschließlich auf sich selbst bezogenen Lebens. Sie helfen beim Zusammenleben.

Jesus nennt an einer Stelle das höchste Gebot: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben, und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Alle Gebote sind in diesem einen zusammengefasst. Mir gelingt es zu selten, es im Alltag zu beachten. Aber ich habe die Hoffnung, dass Gott im Gelingen und im Scheitern nahe ist.

Marius Böhmerle

Vikar in der evangelischen Gemeinde Weilheim

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