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Geistliches wortHeute Hosianna!

Heute Hosianna, morgen „Kreuzige ihn!“ Dieses Sprichwort, liebe Leserinnen und Leser, steht doch regelrecht für die Wankelmütigkeit und Manipulierbarkeit so mancher Menschen. Morgen ist Palmsonntag. Christen erinnern sich, dass Jesus unter großem Jubel und Winken mit Palmzweigen in Jerusalem einritt und wie ein König empfangen wurde. Hosianna, hilf doch; ist zu hören - hohe Erwartungen. Wenige Tage später allerdings hört man ganz andere Töne: „Weg mit ihm! Kreuzige ihn!“ Zorn, Hass, enttäuschte Erwartungen, auch weil er zur Selbstkritik aufforderte, statt beliebte Feindbilder zu bedienen. Eigentlich kennen wir das doch: Auch heute kommen Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, schnell vom Mittelpunkt der Begeisterung ins Fadenkreuz von Anfeindung und Kritik, wenn sie unbequeme Erwartungen an uns haben, statt sich vor unsere Erwartungen spannen zu lassen.

Wenn ich die Berichte vom Einzug Jesu in Jerusalem allerdings genauer anschaue, merke ich: Es sind eigentlich gar nicht dieselben Leute, die Hosianna und die dann später „Kreuzige ihn!“ schreien. Nein, es gibt die Jünger, die lange begeistert sind, und andere, denen Jesus von Anfang an nicht passte, weil sein Reden und Verhalten nicht in ihre starre Denkweise von richtig und falsch, gut und schlecht, von Gott geliebt und von diesem links liegen gelassen passte. Die Wankelmütigkeit, die Beeinflussbarkeit derer, die Hosianna rufen, zeigt sich dagegen nicht laut, nicht mit Gebrüll. Die zeigt sich viel stiller, wenn auch nicht weniger enttäuscht - und nicht weniger enttäuschend. Sie zeigt sich mit einem Kuss, der den Soldaten zeigt, wen sie verhaften sollen; sie zeigt sich in einem Chaos von Schwerthieben und chaotischem Davonrennen, wo es bei einigen sprichwörtlich ums nackte Überleben geht; sie zeigt sich im ebenso trotzigen wie peinlichen Beharren darauf, mit all dem absolut nichts zu tun zu haben.

Gottes liebevolle Zuwendung zu uns, aber auch sein Anspruch an uns, und menschliche Begeisterung dafür, aber auch Auflehnung dagegen - eine Spannung, ein Widerspruch, Konflikt- und Gewaltpotenzial, das Menschen auch jede Menschlichkeit vergessen und über Bord werfen lässt: Scheinbar kaum aufzulösen - vor zweitausend Jahren ebenso wenig wie heute, wo wir ausgerechnet die Karwoche, ausgerechnet Ostern in derselben unerträglichen Spannung erleben müssen. Die Auflösung brachte kein Mensch, sondern der Ostermorgen, als Jesus den Tod und das Grab hinter sich ließ, als er auf seine Jünger zuging, ihnen in Versöhnung begegnete, sie zu den Menschen schickte, um die Nachricht vom Sieg des Lebens weiterzusagen. Und so können wir unsere eigenen Spannungen heute auch nicht selber auflösen. Auch hier muss der Auferstandene selbst kommen, Hände zur Versöhnung reichen, Menschen wieder zusammenführen, durch Wände gehen und sie einreißen, die Menschen voneinander getrennt haben - und vor allem Hoffnung machen, dass die bruchstückhaften und unvollkommenen Zustände, die wir jetzt haben, noch nicht alles sind, sondern, dass er daran weiter arbeitet und dass wir dabei helfen dürfen.

In diesem Sinne wünsche ihnen ich eine gesegnete Karwoche - und über Ostern hinaus einen langen Atem, gestärkt von Begegnungen mit Jesus Christus, und damit mit Gott.

Werner Ambacher,

Pfarrer für Altenheimseelsorge in Kirchheim

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