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Geistliches wort„Ich bin der gute Hirte“

M anche Bilder bleiben haften. Farbig und detailgetreu bewahrt sie mein Gedächtnis auf - jahrzehntelang. Da kommen mir die Schafherden mit ihren ­Hirten, die durchs Dorf zogen, in den Sinn. Heute begegnen sie uns noch auf der Schwäbischen Alb. Idyllische Bilder tauchen da auf, aber auch mein Lieblingsgebet: der Psalm 23. Das Bild von Gott als dem Hirten seines Volkes ist einzigartig in den Religionen des Vorderen Orients. Dort erscheint der König als Hirte seines Volkes, da es des Königs vornehmste Aufgabe ist, den Segen Gottes dem Volk zu vermitteln und für das Wohl und Wehe des Volkes Sorge zu tragen. Freilich, Heiterkeit und Freude waren auch im Leben des Beters nicht ungetrübt; Leid, Angst und Not mussten auch sie erfahren. Aber sie spüren: Da ist einer, der Trost spendet.

„Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen … er leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen … und muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil: Denn du bist bei mir!“ Diese Bilder des Psalms sprechen mich an. Es ist ­dieses Gefühl von Fürsorge und Gebor­genheit, das die Zeilen in mir wachrufen. Das ist etwas, was auch wir Menschen des 21. Jahrhunderts dringend brauchen, gerade auch in dieser schwieri­gen Zeit der Corona-Pandemie. Wer betet, ertappt sich oft dabei: Unversehens gerät das Gebet zur Aufreihung von Bitten, vielleicht auch zur Klagelitanei. Doch der Psalmbeter bittet nicht, er klagt nicht. Er redet mit Gott „wie ein Mensch mit seinem Freund redet“. In einer Freundschaft kann man alles sagen. So ist es ­immer wieder in den Psalmen: Hier kann der Mensch Gott preisen, kann ihn verfluchen, kann mit ihm streiten. Oder kann auch manchmal einfach nur still sein und sich freuen, dass Gott da ist. Immanuel Kant sagt über den 23. Psalm: „Ich habe in meinem Leben viele kluge und gute Bücher gelesen. Aber ich habe in ihnen allen nichts gefunden, was mein Herz so still und froh gemacht hätte wie die vier Worte aus dem 23. Psalm: Du bist bei mir.“

Der Herr, den der ­Psalmbeter hier anspricht - er sprengt ­jedes Klischee und alle Idylle: Gott als „Freund des Lebens“ ist ein treuer und sorgender Gott, nicht nur für die frommen Schäfchen. Er ist für alle da, auch für die schwarzen Schafe. Die sind oft im Dunkel, im Abseits, am Rande des Abgrunds, in der Isolation - die sieht man nicht; sie haben keine Stimme. So will uns dieser Psalm in all unseren Ängs­ten und Nöten, aber auch in den kleinen Freuden unseres Lebens ein großes Gottvertrauen geben. Dies umso mehr, da Jesus dieses Wort auf sich anwendet: „Ich bin der gute Hirte“ - der bei uns ist in allen Lebenslagen.

Winfried Hierlemann

Pfarrer der Gemeinde Maria Königin in Kirchheim

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