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Geistliches Wort„Ihr seid das Salz der Erde“

Mal ehrlich, haben Sie schon per Briefwahl gewählt? Oder ­werden Sie morgen ins Wahllokal gehen? Oder gehören Sie zu den Nichtwählern? Jedenfalls wird von Mal zu Mal der Anteil der Nichtwähler höher und ­damit auch die Zahl derer, die sagen: „Meine Unterstützung bekommen die Politiker und Politikerinnen von mir nicht, und schon gar nicht bin ich bereit, in einer Partei mitzumachen oder selbst ein öffentliches Amt zu übernehmen.“ Für sie scheint Politik ein schmutziges Geschäft zu sein. Die große Politik scheint für viele eine undurchschaubare Allianz verschiedenster ­Machtinteressen zu sein, wo so mancher wohl das Gefühl hat: „Da kann man eh nichts machen.“ Politikverdrossenheit macht sich dann breit.

Gewiss, globale Interessen, wirtschaftliche ­Notwendigkeiten auf einem Weltmarkt, ­dessen Geldströme nur noch ­wenige verstehen, machen es nicht leicht, Politik zu ­durchschauen. Noch weniger, Politik als eine gemeinschaftliche Aufgabe zu verstehen, an der ich als Einzelner meinen Beitrag leiste. Der Rückzug ins Private ist dann keine überraschende Folge. Haben wir aber nicht das Recht und die Pflicht, Politik als unsere Sache zu sehen? Damit es nicht zu einer Politik der Lobbyisten und der Starken kommt, in der die Schwachen nur noch als ­lästiger Ballast gesehen werden, kann Politikverdrossenheit sehr gefährlich werden. Ist es deshalb klug, sich einfach aus allem herauszuhalten? Ist das im Sinne Jesu? War nicht Jesus selbst ein höchst politischer Mensch?

Seine Bergpredigt geht wohl weit über alle noch so sozial gefärbten Parteiprogramme hinaus. Höchst politisch sind auch seine Weisungen im Umgang mit den Schwachen und Armen, mit Fremden und Obdachlosen, mit gesellschaftlich Geächteten. Gerade als Christen sind wir ange­halten, uns für eine ­gerechtere Welt einzusetzen und dafür zu sorgen, dass die Menschenwürde unantastbar bleibt. Wenn Chris­tus sagt: „Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf dem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben“, dann sind wir Salz, um das Leben zu würzen, unser ­eigenes und das der anderen; dann sind wir Licht, um das Dunkel zu ­erhellen: Wir sollen Anwalt der Armen sein. Dann sind wir „Stadt auf dem Berg“, um sichtbar zu sein und hörbar als Stimme für die Stimmlosen. Jeder ist aufgefordert, um die zu wählen, die sich um unsere Gesundheit kümmern, um die Klima­erwärmung und die alles Menschenmögliche in die Wege leiten, um drohende Katastrophen zu verhindern. Mischen wir uns ein und zeigen wir, dass wir Salz und Licht in unserer Gesellschaft sein wollen.

Franz Keil

Pfarrer von St. Ulrich Kirchheim

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