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Geistliches WortKleine Gesten

Plötzlich ist unsere gewohnte „Weltreichweite“ (Hartmut Rosa) empfindlich geschrumpft in

dieser Coronakrise! Zeitplanungen sind kaum möglich. Urlaubsreisen sind abgesagt. Meine Eltern kann ich zu Ostern nicht besuchen. Man kann plötzlich nicht mehr alles bekommen in den sonst selbstverständlich geöffneten Läden aller Art. Die wirtschaftliche Abgesichertheit steht für viele im Moment auf der Kippe. Das ist verunsichernd und auch beängstigend.

In der Passionsgeschichte Jesu, die Christen am Gründonnerstag besonders bedenken, gibt es dazu eine Parallele. Der Jüngerkreis will mit Jesus wie gewohnt das Passahfest feiern. Aber das Festmahl wird ganz unvermutet zu einem für die Jünger bestürzenden Abschiedsessen. Jesus kündigt sein Sterben an, noch dazu ausgelöst durch einen enttäuschenden Verrat eines der Jünger. Was so hoffnungsvoll gestartet war, endet bald im Fiasko: Jesus wird schändlich gekreuzigt, die restlichen Jünger hauen ab oder verleugnen ihn. Aber vorher hat Jesus ihnen im Abendmahl ein Zeichen gegeben, um in der Krise über die Krise hinaus leben zu können: Die Verbundenheit im gemeinsamen Essen, das Teilen von Brot und Wein und die Verheißung, einmal wieder so, miteinander essend und trinkend, mit ihnen zusammen zu sein im Reich Gottes.

Es ist die Geste der Hoffnung und Verbundenheit, die über das Heute weit hinausblickt, die Christen seitdem im Abendmahl feiern. „Ihr seid wie ein einziger Leib aus ganz verschiedenen Gliedmaßen, zusammengehalten von Christus“ - so wird Paulus dann später diese große Glaubens-Geste des Christseins näher bestimmen. Verbunden sind wir im Vertrauen darauf, dass Christus in uns Glaube, Liebe und Hoffnung immer wieder neu entfacht, gerade auch in den Krisen unseres Menschseins. Das gilt auch, wenn wir das Abendmahl als Vermächtnis Jesu Christi gerade nicht leibhaftig in unseren Kirchen feiern können.

Und diese große Geste der Hoffnung und Verbundenheit im Glauben ist für Christen so etwas wie das Grundmodell aller kleinen Gesten der Hoffnung und Verbundenheit, die jetzt gerade über die Schwierigkeit des Momentanen hinausblicken. Aus dieser Krise lernen, dass die Politik dafür verantwortlich ist, dass die Armen unter uns Unterstützung bekommen aus dem Vermögen unserer Gesellschaft. Und lernen, dass es „manchmal gerade der Bruch mit der Routine, dem Gewohnten, ist, der unseren Zukunfts-Sinn wieder freisetzt. Die Vorstellung und Gewissheit, dass alles ganz anders sein könnte - auch im Besseren“ (Matthias Horx, Zukunftsforscher). Christlich formuliert: „Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit!“ (2. Timotheus 1, 7).

Jochen Maier Pfarrer an der Martinskirche, ev. Stadtkirchengemeinde Kirchheim

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