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Geistliches WortMüde vor Angst

In letzter Zeit nehme ich eine gewisse Müdigkeit wahr. Klar, die Hitze hat uns alle müde gemacht. Aber das meine ich nicht. Es ist mehr so eine tiefere Müdigkeit. Eine Müdigkeit, die mit all den Fragen, Auflagen und Unsicherheiten um Corona zu tun hat: Welche Sicherheiten habe ich? Womit kann ich rechnen? Diese Fragen beschäftigen mich in letzter Zeit geradezu täglich.

Früher habe ich sie mir kaum gestellt. Doch jetzt: Verordnungen zu Corona lesen, Infektionszahlen verfolgen und mich dabei immer wieder fragen, was ich planen kann, ob ich planen kann und wie sicher der Plan ist. Ich habe den Eindruck: Die Unsicherheit wächst wieder und mit ihr auch die Müdigkeit. Irgendwie erscheint es ja auch aussichtslos. Das Ende der Pandemie ist nicht abzusehen.

Gleichzeitig ist da diese Sehnsucht nach Normalität. Die Sehnsucht, nicht wegen der vergessenen Maske auf halbem Weg zum Supermarkt wieder umdrehen zu müssen. Die Sehnsucht, andere Menschen einfach zu begrüßen, so wie man es gewohnt ist. Da ist die Sehnsucht nach Nähe, und zwar nicht nur im Kopf. Da ist die Sehnsucht, einfach mal wieder vor sich hin zu leben. Gleichzeitig ist da die Angst, die Angst vor Ansteckung, vor einem schweren Krankheitsverlauf, vor einem neuen Lockdown, um Arbeitsplätze, und finanzielle Sicherheiten. Man ist müde, müde vor Angst. Müde vor Sehnsucht.

So richtig müde war auch der Prophet Elia mal. Er war sogar so müde, dass er nichts anderes wollte, als sterben. Elia hat sich ziemlichen Ärger mit dem Königshaus eingehandelt. Jetzt hat er Angst um sein Leben. Er flieht erstmal. Dann geht er weiter in die Wüste und setzt sich unter einen Ginster. Dort will er sterben. Er kann und mag nicht mehr. Es ist doch eh alles aussichtslos. Er bittet also Gott, ihn doch bitte sterben zu lassen. Ihn einfach rauszuholen. Raus aus dieser hoffnungslosen Situation. Dann schläft er ein, aber entschläft nicht. Nein, er wacht mit dem Satz auf: „Steh auf und iss.“ Er sieht neben sich geröstetes Brot und einen Krug, isst und trinkt. Aber dann ist die Müdigkeit doch wieder groß und er legt sich erneut schlafen. Und wieder wird er geweckt. „Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.“, klingt es in seinen Ohren. Vielleicht können Sie Elia so gut verstehen wie ich. Manchmal ist es einfach genug. Die Kräfte sind aufgebraucht. Doch Gott lässt Elia sich nicht einfach aufgeben und sterben. Er versorgt ihn mit dem, was er braucht. Er stärkt ihn für den Weg, der vor ihm liegt. Und nicht nur ihn. Auch uns heute. Für den weiten Weg, der noch vor uns liegt.

Berenike Brehm

evangelische Pfarrerin in Jesingen

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