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Geistliches WortMut zu neuen Schritten

Ist der Mensch für die Religion da? Nein, die Religion ist den Menschen als Lebenshilfe geschenkt! Ist der Mensch für die Kirche da? Auf keinen Fall, die Kirche ist für den Menschen da! Ist der Mensch für Gott da? Ja, auf jeden Fall, aber Gott ist ebenfalls für den Menschen da! Sonst hätte der bekannte Satz aus dem Buch der Schöpfung (1. Buch Mose, Buch Genesis) keinen Sinn, in dem es heißt: „Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bild und Wesen.“ Also ist das Verhältnis von Gott und den Menschen immer ein dialogisches. Gott ist für uns Menschen da, damit es uns im Leben besser geht. Der Mensch ist für Gott da, ihm zur Ehre und zur Freude. Das impliziert schon, dass Gott bereit ist, mit uns Menschen außerordentliche Wege zu gehen. Ebenso dürfen wir mit Gott vollkommen andere Wege gehen, die überhaupt nicht dem herkömmlichen Denken der Leute entsprechen.

Im Rahmen meiner Berufsausübung als Pfarrer begegnet mir manchmal ein merkwürdiges Phänomen. In einer speziellen seelsorglichen Angelegenheit, sei es ein Taufgottesdienst, eine Hochzeitsfeier oder Trauerfeier, bin ich immer wieder bereit, oder rate gar auch zu unorthodoxen Schritten. Doch dann wird mir überraschenderweise entgegenhalten: so etwas haben wir noch nie gesehen, das sind wir nicht gewohnt, das ist bei uns nicht üblich! Hier spielen Brauch und Sitte eine große Rolle, und was nicht Brauch ist, das gilt schon als verboten.

Jesus fragt mit großer Freiheit nach Ursprung und Sinn von Gesetzesvorschriften: Gottesgebot oder Satzungen von Menschen? Gottes Gebot sind - das ist für viele die große Überraschung - viel menschlicher als die Satzungen von Menschen. Und was ist denn der Wille Gottes? Zwei Begriffe ziehen sich wie ein roter Faden durch die Verkündigung Jesu: Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Es gibt Menschen, die sich lieber hinter die Gitterstäbe von Vorschriften zurückziehen, als in aller Freiheit nach dem Willen Gottes zu fragen und danach zu handeln. Diesen Menschen wirft Jesus vor: „Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch lieber an Satzungen von Menschen“. Wer in die Schule Jesu geht, der lernt die Freiheit!

Peter Martin

Pfarrer in Sankt Franziskus in Weilheim

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