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Geistliches WortMuttertag und Elternschaft

Als „Tag der Blumen­wünsche“ wurde der erste Muttertag vor etwa 100 Jahren in Deutschland eingeführt. Er hat seitdem erstaunliche Wandlungen erfahren. Im Dritten Reich machten die Nationalsozialisten einen öffentlichen Gedenktag daraus, an dem sie besonders kinderreiche Mütter als Heldinnen des Volkes verehrten. In der DDR wurde er gestrichen zugunsten eines Internationalen Frauentags, den man im März feierte. Heute genießt der Muttertag eine erstaunliche Beachtung, obwohl er kein gesetzlicher Feiertag ist. Nur durch Übereinkunft verschiedener Wirtschaftsverbände wurde er auf den zweiten Maisonntag gelegt. Das führte 2008 zu einem Konflikt. Weil damals der Muttertag auf den Pfingstsonntag fiel, durften in einigen Bundesländern die Blumenläden nicht öffnen.

Dieses Jahr fällt der Muttertag auf die Phase der Corona-Einschränkungen, von der wir sehnlich hoffen, dass sie die letzte ist. Durch Schulschließungen und Notbetreuung in den Kindergärten wurden viele Eltern besonders herausgefordert. ­Homeoffice und Homeschooling haben in den Familien zu räumlichen Engpässen und Stresssituationen geführt. Die Vereinbarkeit von Beruf und Versorgung der Kinder ist oft an Grenzen gekommen. Einige Sozialwissenschaftlerinnen beklagten, dass durch Corona wichtige Errungenschaften der beruflichen Gleichberechtigung wieder verloren gegangen seien. Denn es sind meistens die Mütter, die sich für die Kinderversorgung freistellen lassen. Dank und Blumenwünsche zum Muttertag sind daher unbedingt angesagt.

Vielleicht können die Erfahrungen der letzten Monate aber auch helfen, unser Bild von Mutterschaft, oder besser Elternschaft, zu reflektieren. Ehrlich und ohne Sprechverbote. Es mag verständlich und akzeptabel sein, dass ein Muttertag vor allem aus wirtschaftlichen Gründen im ­Kalender verankert wurde. Wenn aber die Ökonomisierung unse­rer Gesellschaft so weit fortgeschritten ist, dass Eltern zu wenig „Spielraum“ für ihre Kinder bleibt, dann ist das bedenklich. „Kinder sind eine Gabe Gottes“, heißt es in der Bibel (Psalm 127,3). Sie verdienen Wertschätzung und sie brauchen Begleitung und Erziehung. Das ist mehr als Betreuung und kann am bes­ten in den Familien gelingen. Als Eltern sind wir die wichtigsten Wegbegleiter für unsere Kinder. Das sollte gesellschaftlich wieder stärker anerkannt werden.

Ich war überrascht und habe mich gefreut, als mir Mütter und Väter positiv erzählten: „­Gerade durch die Ereignisse in der Pandemie und die Einschränkungen im Alltag haben wir unsere ­Kinder und uns als Familie viel intensiver erlebt.“

Andreas Taut

Pfarrer der Kirchen­gemeinde Holzmaden

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