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Geistliches WortNicht auf Knopfdruck

Auf Knopfdruck umschalten! Daran haben wir uns gewöhnt. Sei es am Handy oder mit der Fernbedienung vor dem Fernseher: Ich habe unter Kontrolle, was als Nächstes kommt! Das ist oft sehr praktisch, aber es verleitet zu der Annahme, es müssten sich eigentlich alle Bereiche des Lebens so praktisch einschalten und umschalten lassen!

Aber leider ist es nicht so. Und es ist gerade in den Lebens­bereichen nicht so, von denen wir besonders viel erwarten. Zum Beispiel vom Urlaub. Es gibt ­keinen Schalter dafür, dass mich die Landschaft, das Meer, die freie Zeit auf jeden Fall unbeschwerter, lebendiger und glücklicher machen. Da mag die Urlaubsreise noch so gut durchgeplant sein.

Wirklich lebendig fühlen wir uns, wenn uns etwas widerfährt, das wir nicht nach Belieben verfügbar machen können: das Musikstück, das mir einen Schauer über den Rücken jagt; die Landschaft, die mich innerlich weit und staunend macht; die Begegnung, die mich bewegt und neue Blickwinkel aufs Leben eröffnet. Alle solche Erfahrungen des Berührtseins sind unverfügbar! Dafür gibt es keinen Knopfdruck.

In jüngster Zeit hat besonders der Soziologe Hartmut Rosa immer wieder darauf hingewiesen, dass unsere moderne Lebens­haltung, alles im Griff haben zu wollen, dazu führt, dass uns die Welt zunehmend wie eine Maschine erscheint: ­funktionierend, aber leblos und stumm. Nicht, dass wir uns alles verfügbar ­machen, sondern dass wir uns berühren lassen, macht seiner Ansicht nach wirklich lebendi­ges Dasein aus. Und die Vor­aussetzung für solche Erfahrung des Berührtseins, die Rosa „Resonanz­erfahrungen“ nennt, ist die Erwartungshaltung, dass die Begegnungen und ­Erlebnisse in dieser Welt etwas bedeuten und mir etwas zu sagen haben!

Aber solche Erfahrungen sind immer unverfügbar, letztlich Geschenke. Das trifft sich gut mit der Glaubensüberzeugung, dass die Schöpfung in all ihrer ­Fülle von Gott geschaffen ist als An­rede, um uns zu überzeugen, wie kostbar und unverfügbar das Wunder des Lebens ist. Dass ich so berührt werde, dass ich intensiver, achtsamer, staunender und dankbarer lebe - dafür gibt es ­keinen Schalter. Aber wenn wir im Glaubensvertrauen mit mehr als uns selbst und mit mehr als ­unseren menschlichen Kontroll­möglichkeiten rechnen - eben mit ­einem tiefen Sinn des Lebens und mit Gott, der uns auf vielfältige Art und Weise berühren möchte -, dann entsteht eine segens­reiche Offenheit: Wer weiß, was für erstaunliche Berührungen mir widerfahren, wenn ich berührungsbereit lebe, ohne schon von vornherein alles geplant, geregelt, einsortiert und beurteilt zu haben?

Jochen Maier

Ev. Stadtkirchen- gemeinde Kirchheim

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